Automobilzulieferer und Nachhaltigkeit – Angebot von CO2-neutralen Produkten

Publish Date: 07/2021

Das Ziel der Autoindustrie: Tausende Bauteile – ein Wert für die Nachhaltigkeit des Produkts. Transparenz in der Lieferkette ist die Basis, um CO2-neutrale Produkte anbieten zu können, die Lieferkette widerstandsfähig zu machen und den Kunden angemessen abzuholen: Nicht nur die OEMs, sämtliche Zulieferer im globalen Liefernetzwerk müssen ihren Teil dazu beitragen.

Polestar hat Großes vor: Bis 2030 will das Joint Venture von Volvo und Geely ihr erstes CO2-neutrales Fahrzeug auf den Markt bringen. Nach Beschaffung der Rohstoffe über die Fertigung bis hin zur Montage soll letztlich die „0“ stehen – null CO2-Äqivalente. „You’d be surprised how hard that is to achieve“, gibt das Unternehmen in seinem Werbespot zu, und weist darauf hin, dass für das aktuellste Fahrzeug, das E-Auto Polestar 2, aktuell 26,2 Tonnen CO2-Äqivalente anfallen. Im Vergleich mit dem Verbrenner Volvo XC40 rechnet sich ein Polestar, wenn er ausschließlich Grünstrom tankt, aktuell bei 50.000 Kilometern – künftig also nun schon von den ersten gefahrenen Metern an. „Das Ansinnen ist ambitioniert und das Ziel schnell formuliert – doch hängt der Weg dahin von vielen Faktoren ab“, sagt Sven Dahlmeier, Experte für Lieferketten im Automobilsektor.

Fakt ist: Elektroautos verbrauchen in der Produktion deutlich mehr als ein Verbrenner. Dafür sind sie im Alltag klimafreundlicher, sofern der Strom für die Batterien nachhaltig produziert wird. Nachhaltigkeitsforscher Marcel Weil aus dem Institut für Technologiefolgenabschätzungen und Systemanalyse in Karlsruhe geht aktuell davon aus, dass ein E-Fahrzeug spätestens ab Kilometer 80.000 nachhaltiger wird als ein Verbrenner, manchmal sogar schon ab Kilometer 30.000. Je nach Modell, Gebrauchsweise und Strommix in der Produktion und beim Nachladen holt das E-Auto den Verbrenner schneller oder langsamer ein.

Studie Sustainable Mobility: Kunden fordern nachhaltige Produkte ein

Der Druck auf OEMs wächst, nachhaltige und umweltverträgliche Produkte zu entwickeln, schon alleine, weil der Kunde dies mehr und mehr einfordert. Das zeigt die Studie „Sustainable Mobility“ von Capgemini: Über die gesamte Lieferkette hinweg zeigt sich, dass Tesla derzeit von den meisten Befragten (34 %) als führende Marke in Sachen Nachhaltigkeit wahrgenommen wird. Mehr als jeder Dritte (37 %) würde jedoch sofort die Automarke wechseln, wenn er das Gefühl hat, dass ein anderes Produkt nachhaltiger ist. Aktuell gibt es hier noch Nachholbedarf: Die meisten Kunden (66 %) wünschen sich mehr Unterstützung durch den Autohersteller, etwa durch substanziellere Informationen über Nachhaltigkeit. Es mangelt an Transparenz.

Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Klimaneutralität und Lieferkettengesetz: Der Druck wächst

Klar ist: Der gesellschaftliche Druck auf Fahrzeughersteller nimmt zu, Fahrzeuge zu bauen, „bei denen der Endanwender beim Kauf ein gutes Gefühl hat“, sagt Dahlmeier. Der Kunde möchte ein nachhaltiges Produkt, für dessen Herstellung verantwortungsvoll mit Rohstoffen und Mitteln umgegangen wurde. Und er will garantiert bekommen, dass bei keinem Zulieferer in der Lieferkette Kinderarbeit vorkommt, die Mitarbeiter angemessen bezahlt werden und keinen gesundheitsschädigenden Stoffen ausgesetzt sind. Wie bedeutend Corporate Social Responsibility (die soziale Verantwortung der Unternehmen) in der öffentlichen Diskussion ist und auch wie konkret, zeigen aktuelle Entscheidungen: Gerade hat das Bundesverfassungsgericht die Politik angehalten, klare Ziele zur Klimaneutralität zwischen 2030 und 2050 festzulegen. Der Bundestag hat sich auf einen Gesetzesentwurf zum Lieferkettentransparenzgesetz geeinigt, das ab 2023 die Wahrung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten durch große Unternehmen vorschreibt – und zwar entlang ihrer gesamten Lieferkette bis hin zu sämtlichen Sublieferanten der Sublieferanten. Sonst drohen Strafen bis zu zwei Prozent des Jahresumsatzes.

 Lieferketten-Transparenz: Umdenken durch Covid-19

Wie wichtig die Transparenz ihrer Lieferkette ist, dürfte Autoherstellern auch aus einem anderen Grund deutlich geworden sein. Die Covid-19-Krise sorgte und sorgt immer noch für massive Unterbrechungen in der Lieferkette und damit zu Verzögerungen in der Produktion. Die Studie „Fast Forward“ von Capgemini zeigt, dass Unternehmen bereits umgedacht haben, um ihre Lieferkette widerstandsfähiger zu machen:

  • Zwei von drei Unternehmen sind davon überzeugt, dass sie ihre Lieferketten-Strategie grundsätzlich ändern müssen.
  • Just-in-time-Beschaffung tritt in den Hintergrund (-10%), dafür wird es für mehr als ein Drittel der Befragten (34%) wichtiger, mehr Puffer bereitzuhalten.
  • 57% Prozent der Unternehmen erhöhen ihre Investitionen für eine widerstandsfähige Lieferkette. Abgesehen von der Life-Science-Branche sehen alle Branchen die Notwendigkeit, die Strategie für die Lieferkette zu hinterfragen und zu ändern, beispielsweise ihre Produkte künftig eher lokal zu produzieren (68%).

 

Die Autoindustrie wird ihre Lieferkette widerstandsfähiger machen müssen, immer CO2-ärmer produzieren und sämtliche ihrer Lieferanten im Auge haben müssen. Nur Transparenz über die Lieferkette kann dies leisten.

Die führenden Autohersteller arbeiten mit über 35.000 Lieferanten

Voraussetzung, um die Forderungen und Erwartungen der Kunden sowie künftige Unternehmensziele erfüllen zu können, ist also eine transparente Lieferkette. Das ist nicht trivial: ein führender Autohersteller beispielsweise, der nach eigenen Angaben in 2020 mit knapp 11 Millionen weltweit am meisten Fahrzeuge verkauft hat, arbeitet schätzungsweise mit 35.000 bis 40.000 Zulieferern zusammen. Dazu gehören wie bei jedem anderen Autoproduzenten auch diverse Services vom Hausmeisterdienst bis zu Lieferanten von „direkten Materialien“, also Autoblechen, Einspritzpumpen, Fußmatten oder Batterien. Jeder einzelne wird künftig transparent machen müssen, wo die Rohstoffe herkommen, wie sie verarbeitet wurden, ob und wie sie in den Rohstoffzyklus zurückgeführt werden können und unter welchen Bedingungen sie beschafft wurden. Idealerweise gäbe es nur noch Fußmatten aus Recyclingmaterial. Herausfordernder wird es bei der Batterieherstellung und -entsorgung bzw. Weiterverwendung. Wer „seltene Erden“ wie Kobalt verwendet, muss neben Umwelt- auch Sozialstandards in einer globalen Lieferkette berücksichtigen. Die zweite Nutzung von Batterien (etwa für Solaranlagen) ist oft noch ungeklärt: Zudem sind ältere Batterien oft so verharzt, dass sie letztlich nicht mehr wiederverwertet, sondern lediglich thermisch verwertet, also verbrannt werden können. Verfahren zum Recycling wie Einschmelzen oder Schreddern müssen weiter vorangetrieben und geregelt werden.

Catena-X: Standard zur Vergleichbarkeit von Datensets schaffen

Aktuell sind etwa 750 bis 1.500 Zulieferer an der Fertigstellung eines einzigen Fahrzeugs beteiligt, in dem 6.000 bis 10.000 Einzelteile verbaut sind. Diverse Ansätze zeigen, dass OEMs und Zulieferer die Transparenz über Nachhaltigkeit in der Wertschöpfungskette verstärkt adressieren: In Wissensdatenbanken und Analysetools werden bereits Einsatz- und Rohstoffe sowie Produktionsschritte hinsichtlich ihres CO2-Äquivalents geschätzt und ein Industriedurchschnitt moduliert. Mit Catena-X versucht die Automobilbranche – bezuschusst von der Bundesregierung und der EU – nun, Anforderungen und Regeln für die Abbildung des CO2-Fußabdrucks über die gesamte Lieferkette hinweg zu schaffen. Auf einer Datenplattform legen Zulieferer ihre Produkte mit den entsprechenden Werten ab, die OEMs schlussendlich für die Gesamtbilanzierung ihres Fahrzeugs verwenden können. „Wichtig wird sein, einen einheitlichen Standard zur Vergleichbarkeit der Datensets zu schaffen“, fordert Dahlmeier, „derzeit rechnet jeder etwas anders. Catena-X hat den Anspruch, das zu ändern.“

Zulieferer: Sichtbarkeit über kritische Bauteile schaffen

Was bedeutet das speziell für die kleine und mittelständische Zulieferer? Entsprechende Datenbanken zu kaufen, im Zweifel jemanden einzustellen, der den CO2-Fußabdruck abschätzen kann, treibt indirekt die Produktionskosten in die Höhe. Um Transparenz zu schaffen, rät Capgemini-Experte Dahlmeier dazu, zunächst Sichtbarkeit über kritische Bauteile und Komponenten herzustellen und deren Verbesserungspotenzial zu identifizieren. Die Maßnahmen orientieren sich dabei fast automatisch an dem so genannten GHG Protokoll, dem Treibhausgasprotokoll, dass mehrere Scopes definiert hat. Lässt sich der Strommix in Richtung Grünstrom optimieren (Scope 1 & 2)? Lässt sich Design to CO2 gegenüber Design to Cost realisieren (Scope 3)? Inwieweit lässt sich die Recyclingquote erhöhen?

Ökonomie, Ökologie und soziale Aspekte zusammenbringen

Die Beispiele zeigen, dass die transparente Lieferkette aus vielen Gründen zum einen schlicht notwendig ist, zum anderen allerdings auch diverse Aktivitäten der Unternehmen bereits in die richtige Richtung weisen. Klimabewusstsein, Krisenresistenz und Kundenwünsche fordern diese Transparenz in der Zukunft immer mehr ein. Die Unternehmen stehen also vor einer Herkulesaufgabe – nämlich Ökonomie (vernünftig wirtschaften), die Ökologie (nachhaltig sein) und den sozialen Aspekt (bezahlbare Nachhaltigkeit) zusammenzubringen.

 

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