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GovTech als Enabler für die erfolgreiche digitale Transformation der Verwaltung

Timo Graf von Koenigsmarck
2022-05-16
capgemini-invent

„Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“, hat einst Alt-Bundespräsident Roman Herzog gesagt. Und das gilt heute für die öffentliche Verwaltung. Deutsche Amtsstuben brauchen eine Erneuerung und analoge Prozesse müssen ins digitale Zeitalter gehoben werden. Das ist nicht nur ein Wunsch, sondern durch das Onlinezugangsgesetz (OZG) auch Pflicht. Eine große Mehrheit in Deutschland hält die Verwaltung für verlässlich, sorgfältig und unbestechlich. Gleichzeitig agieren deutsche Ämter und Behörden aber oftmals zu langsam, Prozesse sind unnötig bürokratisch. Entsprechend ist die Verwaltung vermehrt mit Modernisierungsansprüchen konfrontiert. Nicht erst seit Corona ist klar: Es gibt berechtigte digitale Ansprüche von Wirtschaft und Bürger*innen an den Staat. So sagte jüngst die Bundesinnenministerin in einer Pressekonferenz, dass ukrainische Flüchtlinge deutlich höhere digitale Standards gewohnt sind, als sie hier vorfinden. Die digitalen Herausforderungen wachsen gleichermaßen mit den Ansprüchen von Bürger*innen und die gesellschaftlichen Anforderungen an angebotene Dienstleistungen werden höher. Wer kann also zur Lösung beitragen? Start-ups stehen gemeinhin als Inbegriff für Agilität und Innovationskraft. Sie verfolgen teils disruptive Geschäftsmodelle und entwickeln digitale Lösungen für viele Probleme. Sie bringen darüber hinaus die Dynamik mit, um einen (Kultur-)Wandel zu unterstützen.

GovTech bringt die vermeintlichen Gegensätze zusammen und ist damit mehr als nur ein Trendbegriff: Es ist die Chance, Digitalisierung und Innovation im öffentlichen Sektor neu zu denken. GovTech entwickelt sich gerade rasant zu einem Leitbegriff und Denkansatz für die Vernetzung der Verwaltung mit innovativen Akteuren, die Entwicklung digitaler Lösungen in einem offenen Innovationsökosystem. In einer Marktrecherche haben wir 20 Länder hinsichtlich ihrer GovTech-Ökosysteme analysiert und Erfolgsfaktoren ermittelt.

GovTech ist kein Selbstläufer – um das volle Innovationspotenzial auszuschöpfen, braucht es die richtigen Institutionen.

GovTech kann nur in einem innovationsfreundlichen Rahmen erfolgreich sein, der Akteure für die Herausforderungen der öffentlichen Verwaltung sensibilisiert:

Von den untersuchten Ländern (s. Grafik) verfügen zahlreiche über eine staatlich organisierte Start-up Förderung, mit dem Ziel, ein geeignetes Investitionsumfeld zu schaffen. In den meisten Ländern orientiert sich diese nicht an den besonderen Anforderungen im GovTech-Umfeld mit seinen öffentlichen Auftraggebern. Eine erfolgreiche Ausnahme stellt Israel dar, welches mit der Israel Innovation Authority auch explizit GovTech-Start-ups anspricht. Praktisch alle untersuchten Länder stützen sich bei der Verwaltungsdigitalisierung auf Akteure aus der Privatwirtschaft. Die Übersicht zeigt: Je Start-up freundlicher ein Land ist und über ein Ökosystem verfügt, desto eher schlägt das Innovationspotenzial auch auf den GovTech-Sektor über. Dies äußert sich durch GovTech-Institutionen oder Inkubatoren. Viele Länder haben bereits Institutionen oder Plattformen geschaffen, die als Inkubatoren oder Accelerator für GovTech-Start-ups dienen. Sie bringen die öffentliche Verwaltung in den Austausch mit Ideengeber*innen oder bestehenden Start-ups, die bisher noch keinen Kontakt zu GovTech-Lösungen hatten. Beispiele sind der Catalogue GovTech aus Frankreich oder das GovTech Lab aus Litauen, aber auch der GovTech Campus in Deutschland.

Finanzierung neu denken. Niedrigschwellige Vergabeverfahren ermöglichen Start-ups den Zugang zu öffentlichen Aufträgen.

Hierzu ist ein auf Lösungen orientierter Ansatz sinnvoll. Anstatt groß angelegter Vergabeverfahren sollen spezifische Problemstellungen zur Lösung ausgeschrieben werden: sogenannte Challenges. Auf spezifische Probleme zugeschnittene Challenges erlauben es Start-ups, innovative Lösungen für bestehende Probleme der öffentlichen Verwaltung zu finden. Anders als bei einer klassischen Ausschreibung wird dabei keine detaillierte Leistungsbeschreibung erstellt, sondern eine iterativ zu lösende Herausforderung beschrieben. Die USA veröffentlichen Challenges über eine dafür eingerichtete Plattform. Die Digital Innovation Challenges von Israel richten sich unmittelbar an kleine und mittelständige Unternehmen. Aber auch das Vergaberecht kann Start-up freundlich gestaltet sein: Frankreich hat beispielsweise den l’achat public innovant konzipiert, über den Aufträge unter 100.000 € direkt an innovative Firmen vergeben werden können. Die Niederlande unterstützen beauftragte Unternehmen für zwei Jahre, indem sie als bevorzugte Lieferanten behandelt werden. Über solche Wege können Start-ups an die öffentliche Verwaltung herangeführt werden und das Umfeld auch für Investoren finanziell attraktiv gestaltet werden.

Kultur ist relevant. Gegenseitiges Verständnis von Verwaltung und innovativen Akteuren schafft Kreativität und Aufbruchsstimmung

Kulturwandel ist ein Schlüssel zum Erfolg. Einerseits muss die öffentliche Verwaltung verstehen, wie Start-ups zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen können und wie eine Zusammenarbeit gestaltet werden kann. Andererseits müssen Start-ups verstehen, wie die öffentliche Verwaltung arbeitet. Eine Trial and Error- oder Skalierungsstrategie von Start-ups ist logischerweise in Behörden nicht ohne weiteres anwendbar. Die in Großbritannien veröffentlichten Challenges lassen beispielsweise ein fehlendes Verständnis für die Leistbarkeit von Aufgaben erkennen: Sie sind oft weit gefasst und haben keinen Bezug zu GovTech. Die USA hingegen versuchen den Kulturwandel durch die Einbindung von Expertise aus Industrie und Wissenschaft zu beschleunigen. Hierfür wurde das Presidential Innovation Fellowship eingeführt. Auch für Deutschland ist ein engerer Austausch sinnvoll, so wie er sich auf dem GovTech Campus und seinen Länder-Campus entwickeln könnte.

Was kann Deutschland von anderen Ländern lernen?

Im internationalen GovTech-Vergleich ist Deutschland schon gut aufgestellt: Der GovTech Campus dient anderen als Vorbild, OZG und Registermodernisierung sind richtige Schritte zu einer bürgerfreundlichen und innovationsfähigen Verwaltung. Um die Potenziale von GovTech voll auszuschöpfen, müssen wir nun durchstarten! Dabei kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Wir empfehlen:

  • Experimentierfreude und Experimentierräume schaffen, den GovTech Campus und die Länder-Campus nutzen, um auch auf kommunaler Ebene neue Lösungen zu entwickeln, zu erproben und zu skalieren.
  • Problemstellungen (Challenges) der Verwaltung sammeln und Start-ups zur Lösung anbieten, um schnelle Erfolge zu erzielen und Innovationspotenzial zu binden.
  • Bestehende Fördertöpfe nutzen und dezidierte GovTech-Fördermöglichkeiten schaffen, sei es für Challenges, in Vergabeverfahren oder bei der gemeinsamen Zusammenarbeit.
  • Mut für den digitalen Aufbruch schaffen und in die Umsetzung kommen.

Herzlichen Dank an den Co-Autor Malte Jünger.

Autor

Timo Graf von Koenigsmarck

Vice President / Head of Public Sector | Capgemini Invent Germany
Mich begeistert der öffentliche Sektor. Dabei zu helfen, die komplexesten Herausforderungen für unsere Gesellschaft zu lösen, treibt mich an. Als Leiter des Public Sector bei Capgemini Invent konzentriere ich mich darauf, unsere Kunden bei der Bewältigung der großen, anstehenden Herausforderungen zu unterstützen: Digitalisierung, neue Arbeits- und Kooperationsmodelle sowie dem Aufbau nachhaltiger Strukturen und Prozesse.