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Welche Enabler notwendig sind, damit GovTech in Deutschland den erhofften Erfolg haben kann

Timo Graf von Koenigsmarck
02. Juni 2022
capgemini-invent

GovTech ist derzeit in aller Munde und mit großen Erwartungen an eine digitalere und modernere Verwaltung in Deutschland verbunden.

Die große Chance von GovTech ist es, die Innovationskraft von Start-ups in die Welt der öffentlichen Verwaltung zu tragen. Zentral für GovTech ist der Ansatz, eine innovative Lösung für eine Vielzahl öffentlicher Organisationen mit ähnlichen Rahmenbedingungen und Prozessen zu entwickeln – nicht nur für eine einzige. Die Vorteile von GovTech können so sehr schnell skalieren und einer breiten Masse an Nutzer:innen zur Verfügung gestellt werden. Dabei müssen drei wesentliche Enabler greifen:

Hürden bei der Vergabe öffentlicher Aufträge an GovTech-Start-ups abbauen

Die Vergabe von öffentlichen Aufträgen an Start-ups stellt in Deutschland eine Herausforderung dar. Die Gründe hierfür sind vielfältig:

  • Lange Zahlungsziele im öffentlichen Sektor: Diese sind für die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und dem öffentlichen Sektor problematisch, da Start-ups zeitnah Einnahmen generieren müssen. So geben Start-ups die Dauer des Einkaufprozesses mit 82 Prozent als größte Hürde der Zusammenarbeit an.
  • Ein tief verankertes Absicherungsdenken und eine ausgeprägte Risikoaversion: Die Kultur im öffentlichen Sektor steht einer Zusammenarbeit mit agilen und innovativen Start-ups häufig im Weg. Für 87 Prozent der Start-ups sind die Entscheidungsprozesse und Reaktionszeiten zu langsam, während 61 Prozent der Start-ups Mentalitätsunterschiede als Hürden der Zusammenarbeit anführen.
  • Der Vergabeprozess, beginnend mit der inhaltlichen Ausgestaltung der Ausschreibungen: Wenn eine öffentliche Organisation eine Herausforderung hat, wird i. d. R. eine konkrete Leistung ausgeschrieben. Das hat zur Folge, dass sich bei den Ausschreibungen häufig nicht die beste Lösung für die benötigte Leistung durchsetzt, sondern der beste Anbieter für die beschriebene Leistung. Dies geschieht ungeachtet dessen, wie gut die Lösung für die Behebung der Herausforderung geeignet ist. Für Start-ups sind öffentliche Ausschreibungen zu zeitaufwändig (61 Prozent) und zu komplex (58,5 Prozent).
  • Formale Anforderungen im Vergabeprozess: Sie stellen häufig eine Hürde dar, da diese teilweise für Start-ups nicht erfüllbar sind. Zu nennen sind etwa geforderte mehrjährige Nachweise über Kundenbeziehungen, Jahresabschlüsse oder eine Mindestbestandsdauer des Unternehmens. Referenzen, die im Ausschreibungsprozess gefordert werden, stellen für 58 Prozent der Start-ups eine Hürde da.

Um diesen Zustand aufzulösen, bedarf es innovativer, lösungsorientierter Vergabemöglichkeiten. Das können beispielsweise Innovationspartnerschaften zwischen öffentlichem Sektor und Start-ups sein, die dabei helfen, die Hürden bei der Vergabe abzubauen. Es können Lösungen sein wie die bereits u. a. in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein eingeführten Experimentierklauseln. Diese Klauseln ermöglichen es, Ausnahmen von Formvorschriften zu machen. Sie können damit als Türöffner für Kooperationen zwischen Start-ups und dem öffentlichen Sektor dienen. Es können aber auch sogenannte Challenges zur Ausschreibung genutzt werden. Hierbei handelt es sich um auf spezifische Probleme zugeschnittene Ausschreibungen, die es Start-ups ermöglichen, innovative Lösungen für ein spezifisches Problem der öffentlichen Verwaltung zu finden. Wie unser Blogartikel zeigt, werden Challenges bereits in vielen anderen Ländern wie Israel erfolgreich im Vergabeprozess eingesetzt.

Zudem bedarf es eines anhaltenden Kulturwandels im öffentlichen Sektor, um Innovationsbereitschaft und Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten zu fördern. Ein gutes Verständnis seitens der Start-ups für Vergabeverfahren, die Kultur und die technische Infrastruktur im öffentlichen Sektor ist unerlässlich. Intermediäre, die beide Welten kennen und verstehen, können bei der Vermittlung und Beratung zwischen dem öffentlichen Sektor und den Start-ups helfen.

Zielführend kann außerdem die Durchführung eines Health Checks für GovTech-Start-ups durch einen unabhängigen Dritten sein. D. h. ein Start-up wird mit Blick auf die finanzielle Stabilität und fachliche Eignung bewertet. Für die beschaffende öffentliche Organisation reduziert sich dadurch das Risiko und sie muss die Bewertung des Start-ups nicht selbst durchführen. Das Start-up kann auf diese Weise die Vertrauenswürdigkeit gegenüber öffentlichen Organisationen steigern.

Bestehende Möglichkeiten besser nutzen: Die Finanzierung von GovTech-Start-ups

Für das erfolgreiche Wachstum und die Etablierung eines jeden Start-ups ist die Frage der Finanzierung essenziell. Für den deutschen GovTech-Markt ist die Finanzierung allerdings oft noch ein Weg voller Hemmnisse.

Bei staatlichen Fördermöglichkeiten stellen die Voraussetzungen zur Förderung häufig eine Hürde für Start-ups dar. Für die Förderung bei einigen Fonds wie dem „ERP-Mezzanine für Innovationen“-Fonds müssen Start-ups beispielsweise bereits zwei Jahre geschäftstätig sein. Auch die Höhe des Eigenkapitals kann sich als unüberwindbare Hürde für die Förderung durch staatliche Fonds herausstellen. Dementsprechend nutzten im Jahr 2019 nur zwei Drittel der Start-ups in Deutschland staatliche Fördermöglichkeiten.

Auf dem Markt privater Investoren sind GovTech-Start-ups in einer schwächeren Position als Start-ups, die sich auf die Privatwirtschaft konzentrieren. Die oben beschriebenen hohen Markteintrittsbarrieren führen dazu, dass Fremdkapitalgeber viele GovTech-Start-ups von Beginn an nicht in die engere Auswahl für eine Investition einbeziehen.

Die Bereitstellung von zusätzlichem staatlichem Wagniskapital für den GovTech-Markt in Deutschland ist daher notwendig. Eine Möglichkeit hierfür ist beispielsweise der Fond zur Finanzierung der Zwischen- und Endlagerung des radioaktiven Abfalls (KENFO). In dem KENFO werden 24 Milliarden Euro verwaltet. Es ist gesetzlich geregelt, dass hiervon bis zu 1,5 Prozent in Start-ups investiert werden können – also rund 360 Millionen Euro. Bisher wurde von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht. Mit dem KENFO ist die Chance verbunden, den bisherigen Prozess der Investitionen in Start-ups zu verbessern und mittels Direktinvestitionen GovTech-Start-ups zu fördern.

Die Beteiligung des Staates an GovTech-Start-ups kann das Interesse und die Bedeutung innovativer Lösungen für den öffentlichen Sektor verdeutlichen. Dadurch kann der Markt zukünftig auch für potenzielle Investoren aus der Privatwirtschaft interessanter werden.

Das souveräne Cloud-Ökosystem als Alternative zum Angebot der Hyperscaler

Mit über 65 Prozent Marktanteil dominieren aktuell die drei Hyperscaler Amazon, Microsoft und Google das Cloudgeschäft in Europa. Damit GovTech in Deutschland ein Erfolg wird, müssen die Fähigkeiten der Hyperscaler auch für GovTech-Lösungen zum Tragen kommen. Genau das ist – Stand heute – mit den benannten Hyperscalern jedoch (noch) nicht möglich. Insbesondere Sicherheitsvorbehalte (teilweise auch Rechtsvorschriften) machen die „Mitnutzung“ von auf einem der Hyperscaler betriebenen Lösungen für öffentliche Institutionen schwierig. Somit bleiben viele mit GovTech verbundene Hoffnungen von skalierbaren, innovativen Anwendungen bisher unerfüllt.

Die aktuelle Bundesregierung, der Bundes-CIO und Vorreiterressorts beim Thema Digitalisierung, wie insbesondere das Finanz- und das Innenministerium, investieren viel, um hier Abhilfe zu schaffen. „Auf Basis einer Multi-Cloud-Strategie und offener Schnittstellen sowie strenger Sicherheits- und Transparenzvorgaben, bauen wir eine Cloud der öffentlichen Verwaltung auf“, steht im aktuellen Koalitionsvertrag. Fokus liegt dabei sehr deutlich – und zu Recht – auf dem Thema digitale Souveränität.

Angebote einer „souveränen Cloud“ wie von Microsoft erfüllen die Anforderungen an digitale Souveränität nur bedingt, da eine gewisse technologische Abhängigkeit bestehen bleibt. Um Souveränität noch konsequenter auszulegen, könnten politische Entscheidungsträger den Blick stärker auf die europäischen Cloud-Provider richten. Mit u. a. IONOS, Plusserver, Schwarz Digital, OV stünden durchaus eine Reihe namhafter Unternehmen bereit. Abstriche wären hier aber vermutlich im Leistungsangebot – zumindest initial zu machen. Ein ausreichend wettbewerbsfähiges Leistungsportfolio für die Verwaltung müsste erst entwickelt werden.

Entscheidend ist, dass GovTech-Start-ups die Sicherheit haben, eine entwickelte Lösung für viele Behörden über eine Cloud ausspielen zu können, wenn bestimmte Kriterien der Souveränität durch die Cloud erfüllt sind. Nur dann ist die Nachnutzbarkeit von GovTech-Lösungen möglich.

Ein positiver Kreislauf: Wie sich die Enabler untereinander verstärken

Wie die folgende Darstellung zeigt, sind die drei Enabler nicht isoliert voneinander zu betrachten, vielmehr verstärken sie sich wechselseitig und können somit effektiv zu einem positiven Wandeln zu Gunsten von GovTech in Deutschland beitragen.

Wenn die drei genannten Enabler erfüllt sind, kann GovTech durch die Verknüpfung des öffentlichen Sektors mit Start-ups und einer Vielzahl innovativer und lösungsorientierter Anwendungen dabei helfen, komplexe Herausforderungen zu lösen. Dann kann GovTech einen entscheidenden Beitrag zur Digitalisierung des öffentlichen Sektors leisten.

Danke an die Co-Autoren Malte Jünger und Julian Brettschneider Lázaro.

Autor

Timo Graf von Koenigsmarck

Executive Vice President | Head of Public Sector Germany, Capgemini Invent
Mich begeistert der öffentliche Sektor. Dabei zu helfen, die komplexesten Herausforderungen für unsere Gesellschaft zu lösen, treibt mich an. Als Leiter des Public Sector bei Capgemini Invent konzentriere ich mich darauf, unsere Kunden bei der Bewältigung der großen, anstehenden Herausforderungen zu unterstützen: Digitalisierung, neue Arbeits- und Kooperationsmodelle sowie dem Aufbau nachhaltiger Strukturen und Prozesse.

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