Der European Digital Identity (EUDI)-Erfolg entscheidet sich nicht an der Wallet-Technik, sondern ob Unternehmen und Verwaltung tatsächlich in das EUDI-Ökosystem migrieren. Wer jetzt Standards mitprägt, Stakeholder aktiviert und Integration vorbereitet, ermöglicht es, aus einem reinen Produktlaunch ein funktionierendes Ökosystem mitzugestalten. Diese Capgemini-Perspektive wurde beim eIDAS Summit 2026 im Rahmen einer Keynote sowie Workshops geteilt und diskutiert. 

Die Botschaft auf dem eIDAS Summit 2026 war deutlich: Die EUDI-Wallet kommt, und zwar Anfang 2027. Doch durch die alleinige Bereitstellung entstehen keine Mehrwerte. Die Anbindung von Organisationen sowie die Konkretisierung von Use Cases im EUDI-Ökosystem ist dabei maßgeblich.  

Die Erkenntnisse aus der Capgemini Marktstudie müssen als Warnsignale ernst genommen werden: Organisationen arbeiten heute überwiegend schon digital und stehen nicht vor einer Erst-Digitalisierung, sondern vor einer Migrations- und Integrationsentscheidung. Lediglich 7% der befragten Unternehmen arbeiten weitgehend in manuellen Verfahren. Genau deshalb greift die Erwartung zu kurz, dass allein die Bereitstellung der EUDI-Wallet das Ökosystem aktiviert. Für privatwirtschaftliche Organisationen ist die European Business Wallet als organisationsbezogenes Gegenstück der EUDI-Wallet anvisiert, mit welcher Organisationen technisch am EUDI-Ökosystem teilnehmen können. Diese konkurriert demnach mit etablierten digitalen Prozessen und Systemen. Ohne stichhaltigen Wechselnutzen und Mehrwertkommunikation werden funktionierende Abläufe nicht ersetzt. Der vorangegangene Beitrag zur European Business Wallet erläutert die Grundlagen näher.  

Warum fehlende Vorbereitung zum Wettbewerbsnachteil werden kann 

76 Prozent der Unternehmen zeigen sich offen für eine aktive Nutzung des EUDI‑Ökosystems, verstehen dessen Einführung jedoch mehrheitlich zunächst als Ergänzung bestehender Prozesse nicht als tiefgreifende Prozesstransformation. Diese grundsätzliche Offenheit darf jedoch nicht mit Umsetzungsreife verwechselt werden. Denn erste Pilot- und Umsetzungserfahrungen zeigen: Die Engpässe liegen selten in der Wallet-Technik, sondern in Zuständigkeiten, Datenlogik und Prozessdesign. Dort entscheidet sich, ob sich Automatisierungs- und KI-Potenziale später überhaupt skalieren lassen. Wenn Organisationen erst reagieren, sobald Standards finalisiert sind, verlieren sie Gestaltungsspielraum und riskieren zusätzliche Parallelprozesse. 

Deshalb braucht es kein Abwarten auf finale Standards, sondern ein klares Start‑Setup für:  

  1. Aktivierung durch frühe Einbindung relevanter Akteure aus Wirtschaft und Verwaltung,  
  2. Verprobung über ein fokussiertes Programm mit markt‑ und nutzerbezogenen Tests sowie  
  3. Skalierung umgesetzt über ein belastbares Modell mit Governance, Roadmap und Verantwortlichkeiten für Standards, Register‑ und Prozessanbindung. 

Reality Check aus der Praxis: Zentrale operative Herausforderungen 

Genau diese Diskrepanz zwischen grundsätzlicher Offenheit und fehlender operativer Umsetzungsreife stand auch im Mittelpunkt des Workshops auf dem eIDAS Summit 2026 zur European Business Wallet. Die im Workshop identifizierten Herausforderungen zeigen konkret, an welchen Stellen bestehende Prozesse, Zuständigkeiten und Systemlogiken einer skalierbaren Teilnahme am EUDI‑Ökosystem heute noch im Weg stehen. Mit über 40 Teilnehmenden aus Wirtschaft, Verwaltung und dem eIDAS-Fachumfeld wurde die European Business Wallet aus Anwendersicht diskutiert (u.a. zum Zusammenspiel von bestehenden Datenräumen wie Catena-X und dem EUDI-Ökosystem am zukunftsweisen Beispiel des Digitalen Produktpasses).  

Demnach soll die European Business Wallet insbesondere nachfolgende Herausforderungen lösen:  

  • Fehlende eindeutige digitale Identifikation von Organisationen in grenzüberschreitenden Geschäftsprozessen 
  • Medienbrüche und papierbasierte Nachweis- und Onboardingprozesse, insbesondere bei Know Your Customer- und Compliance-Prozessen 
  • Hoher manueller Aufwand und geringe Automatisierbarkeit bei der Prüfung und Weitergabe von organisationsbezogenen Nachweisen

Orientierungsrahmen für den Einstieg in die European Business WalletUmsetzung 

Ausgehend von den identifizierten Herausforderungen ergeben sich funktionale Anforderungen an die European Business Wallet: 

  • Interoperabilität und Standardkonformität, um einen einheitlichen digitalen Vertrauensrahmen über Sektoren und Länder hinweg zu ermöglichen 
  • Rechtssicherheit digitaler Organisationsidentitäten und Nachweise, einschließlich Haftungs- und Vertrauensmodelle 
  • Benutzerfreundliche Integration in bestehende IT-Systeme und Geschäftsprozesse ohne zusätzliche Komplexität 
  • Unterstützung automatisierter Prüf- und Austauschprozesse für organisationsbezogene Nachweise 
  • Skalierbarkeit und Praxistauglichkeit für unterschiedliche Organisationsgrößen und Anwendungsfälle 

Eine erfolgreiche European Business Wallet‑Einführung ist also weniger eine Frage einzelner Funktionen als vielmehr der konsequenten Integration in bestehende Prozess‑ und Systemlandschaften. Dies gilt als Voraussetzung für die umfassende Nutzung des EUDI-Ökosystems durch Organisationen.  

Der Erfolg des EUDI-Ökosystem wird nicht alleine an dem Go-Live der EUDI-Wallet gemessen, sondern an der Offenheit und Aktivierung des gesamten EUDI-Ökosystems inkl. der European Business Wallet. Dafür müssen messbare Nutzungssignale in segmentabhängigen Use Cases aufgearbeitet, ein Netzwerk aktiver Akteure – aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik aufgebaut – sowie Standards und Integrationspfade, die den Wechselanreiz aus bestehenden Lösungen heraus sichtbar machen, geschaffen werden. 

Jetzt First Mover werden und European Business Wallet-Potenziale realisieren 

Capgemini Invent unterstützt Organisationen mit einem strukturierten EUDI-Potential-Assessment dabei, den individuellen Reifegrad zu bewerten, segmentspezifische Use Cases zu identifizieren und konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten. Ein Überblick zum Ansatz findet sich im bereits veröffentlichten Blogbeitrag zur praktischen Einführung der European Business Wallet.