Die größte Herausforderung des Wasserstoffhochlaufs ist heute nicht die Technologie. Es ist die Fähigkeit, regulatorische Komplexität in investierbare Projekte und skalierbare Marktstrukturen zu übersetzen.

Die Studien der Internationalen Energieagentur (IEA), dem Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) und Agora Energiewende zeigen in eine klare Richtung: Ein kosteneffizientes klimaneutrales Energiesystem wird überwiegend auf direkter Elektrifizierung basieren. Für Anwendungen, die technisch nicht direkt oder wirtschaftlich nicht sinnvoll elektrifizierbar sind, werden jedoch erneuerbare Moleküle benötigt. Wasserstoff ist deshalb keine isolierte Technologie, sondern Teil eines hochgradig vernetzten Energiesystems, das Erzeugung, Netze, Speicher, Industrie, Mobilität und Wärmeversorgung miteinander verbindet.

Aus dieser Perspektive wird Wasserstoff nicht nur zu einer Energiefrage, sondern zu einer Marktfrage. Selbst ausreichende Erzeugungskapazitäten und eine wachsende Nachfrage reichen nicht aus, wenn Mechanismen fehlen, die beide Seiten effizient miteinander verbinden. Zu diesen Mechanismen bzw. funktionierenden Marktstrukturen gehören standardisierte Handelsprodukte, transparente Preisbildung, Speicher- und Flexibilitätsmärkte sowie Akteure, die Angebot und Nachfrage effizient zusammenführen.

Die Regulatorik spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie definiert den Rahmen, innerhalb dessen Projekte wirtschaftlich werden können, Infrastrukturen entstehen und Investitionen mobilisiert werden. Gleichzeitig erhöhen sie insbesondere in der frühen Marktphase die Eintrittshürden für neue Marktakteure erheblich.

Wasserstoff ist kein Selbstzweck 

Die Diskussion über Wasserstoff wird häufig auf einzelne Technologien reduziert. Dabei sollten wir uns zunächst die eigentliche Aufgabe vor Augen führen. 

Wir müssen ein Energiesystem transformieren und defossilisieren, das künftig deutlich stärker durch volatile erneuerbare Energien geprägt ist. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Versorgungssicherheit, Flexibilität und Resilienz. 

Wasserstoff ermöglicht als zentrales Bindeglied die Kopplung des Strom-, Industrie-, Wärme- und Mobilitätssektors. Er dient einerseits als chemischer Ausgangsstoff für die Dekarbonisierung der Industrie, wie etwa bei der Herstellung von Ammoniak und grünem Stahl. Andererseits fungiert er als vielseitiger Energieträger, der Energie speichern, transportieren und gezielt dort eingesetzt werden kann, wo direkte Elektrifizierung an technische oder wirtschaftliche Grenzen stößt. Damit übernimmt er eine Schlüsselrolle für die Flexibilität, Resilienz und Stabilität zukünftiger Energiesysteme. 

Aus einer Systemperspektive bedeutet das: Der Wasserstoffhochlauf ist kein isoliertes Markt-, Technologie- oder Förderthema. Er ist ein Projekt für das Energiesystem der Zukunft. 

Die Wasserstoffwirtschaft leidet nicht unter fehlender Technologie 

Zahlreiche Kerntechnologien wie alkalische Elektrolyse, Wasserstoffspeicherung, Transportlösungen und etablierte industrielle Anwendungen sind verfügbar, während sich andere Anwendungen noch in der industriellen Demonstration befinden.

Deshalb gilt es die bereits etablierten Technologien in skalierbare Geschäftsmodelle zu überführen und neue Technologien zur Marktreife zu bringen. Beides erweist sich jedoch aufgrund fehlender Investitionssicherheit und Planbarkeit als schwierig.

Mit der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (Renewable Energy Directive III, RED III) hat die Europäische Union erstmals verbindliche Nachfrageziele für erneuerbaren Wasserstoff definiert und damit einen regulatorischen Hochlaufpfad geschaffen. Die praktische Umsetzung in den Mitgliedsstaaten bleibt jedoch vielerorts hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig deutet der aktuelle Diskurs rund um den Entwurf von RED IV darauf hin, dass künftig Systemeffizienz, Elektrifizierung und die gezielte Nutzung von Wasserstoff in schwer elektrifizierbaren Anwendungen stärker in den Mittelpunkt rücken könnten. Ob und in welchem Umfang sich diese Stoßrichtung in der finalen Regulierung wiederfindet, bleibt jedoch offen.

Für Akteure entlang der gesamten Wasserstoffwertschöpfungskette entsteht daraus eine paradoxe Situation: Die langfristige Rolle von Wasserstoff ist politisch bestätigt, Umfang, Geschwindigkeit und regionale Verteilung des Markthochlaufs bleiben jedoch mit Unsicherheiten behaftet.

Das Renewable Fuels of Non-Biological Origin (RFNBO-) Regelwerk ist gleichzeitig notwendig und problematisch 

Kaum ein regulatorisches Thema prägt den europäischen Wasserstoffmarkt stärker als die RFNBO-Kriterien. 

Die Grundidee ist nachvollziehbar: Wasserstoff soll nur dann als erneuerbar gelten, wenn seine Produktion tatsächlich zusätzliche Dekarbonisierungseffekte erzeugt. Deshalb wurden Kriterien wie Zusätzlichkeit sowie zeitliche und geografische Korrelation eingeführt. Genau hier zeigt aus meiner Sicht einer der größten Zielkonflikte der europäischen Wasserstoffpolitik. Europa versucht gleichzeitig zwei Ziele zu erreichen: 

  • einen möglichst schnellen Wasserstoffhochlauf, 
  • eine möglichst hohe CO₂-Reduktion pro erneuerbarem Wasserstoffmolekül. 

Beide Ziele sind legitim, stehen jedoch nicht immer im Einklang miteinander. 

Die Anforderungen wurden entwickelt, um Klimawirkung sicherzustellen. Gleichzeitig erhöhen sie insbesondere in der frühen Marktphase die Komplexität des Markthochlaufs und erschweren die wirtschaftliche Betriebsführung von Elektrolyseuren. 

Die Eintrittshürde für neue Marktakteure steigt dadurch erheblich. Fehler, Verzögerungen oder Unsicherheiten in einzelnen Projektbausteinen können schnell dazu führen, dass ein ursprünglich tragfähiges Geschäftsmodell seine Wirtschaftlichkeit verliert. Folglich erhöht sich auch das Early-Mover-Risiko deutlich. Davon sind neben Projektentwicklern auch Investoren und Banken betroffen. In diesem Spannungsfeld kämpfen viele der heutigen Wasserstoffprojekte: Die regulatorischen Anforderungen sollen Klimawirkung sicherstellen, erhöhen jedoch gleichzeitig die Komplexität und das Risiko der Umsetzung. 

Die Nachfrage ist längst politisch definiert 

Ein weiterer Aspekt der anhaltenden Diskussion dreht sich um die Frage, ob überhaupt ausreichend Nachfrage entstehen wird. Die europäische Regulatorik zeichnet jedoch ein anderes Bild. Mit ReFuelEU Aviation, FuelEU Maritime und Alternative Fuels Infrastructure Regulation (AFIR) existieren bereits heute verbindliche Nachfrage- und Infrastrukturpfade für zahlreiche Anwendungsbereiche. 

Umso wichtiger wird es, diese Nachfrage in investierbare Projekte und belastbare Geschäftsmodelle zu übersetzen. Ermöglicht wird das nur mit ausreichend Investitionssicherheit und Strukturen, die Marktliquidität schaffen. Dazu gehören standardisierte Handelsprodukte, Preisindizes, Handelsplattformen sowie Speicher- und Flexibilitätsmärkte. Diese müssen jedoch erst aufgebaut werden. 

Ohne ein leistungsfähiges Midstream-Segment wird die Skalierung des Wasserstoffmarktes deutlich erschwert. 

Während häufig über Elektrolyseure und industrielle Abnehmer gesprochen wird, erhält ein Akteur deutlich weniger Aufmerksamkeit: der Midstream.

Viele Wasserstoffprojekte sind noch durch direkte bilaterale Beziehungen zwischen Erzeugern und Abnehmern geprägt. Produktion, Infrastruktur und Anwendung müssen häufig gleichzeitig entwickelt werden. Fällt einer dieser Bausteine weg oder verzögert sich, gerät das gesamte Geschäftsmodell unter Druck.

Ein reifer Markt funktioniert anders.

Denn in diesem stehen zwischen Erzeugung und Anwendung spezialisierte Marktakteure, die Mengen bündeln, Risiken absichern, Transport organisieren, Speicher bewirtschaften und standardisierte Produkte bereitstellen. Genau diese Rolle übernimmt der Midstream.

Erst dadurch können Produzenten Wasserstoff verkaufen, ohne den Endkunden bereits zu kennen, und Abnehmer Wasserstoff beziehen, ohne selbst komplexe Liefer- und Vertragsstrukturen aufbauen zu müssen. Gleichzeitig entstehen transparente Preise, handelbare Produkte und die notwendige Marktliquidität. Vergleichbare Entwicklungen konnten bereits in den Erdgas- und Strommärkten beobachtet werden, in denen Händler, Speicherbetreiber, Bilanzkreisverantwortliche und Marktgebietsverantwortliche wesentlich zur Marktliquidität beigetragen haben.

Wasserstoff befindet sich heute noch vor diesem Entwicklungsschritt. Umso wichtiger ist der aktuelle Entwurf zur Umsetzung des europäischen Gas- und Wasserstoffbinnenmarktpakets als konkreter regulatorischer Unterbau. Wasserstoffnetze, Wasserstoffspeicher und Wasserstoffterminals werden als eigenständige regulierte Marktinfrastruktur im Energiewirtschaftsgesetz verankert. Gleichzeitig wird die Umstellung bestehender Gasinfrastruktur auf Wasserstoff regulatorisch ausdrücklich priorisiert und gegenüber dem Neubau bevorzugt. Damit steigt die Investitionssicherheit für Midstream-Infrastrukturen erheblich.

Aber, der Aufbau eines leistungsfähigen Midstream-Segments allein wird den Wasserstoffhochlauf nicht sichern. Er ist jedoch eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich aus einzelnen Projekten ein liquider und wettbewerblicher Markt entwickeln kann. Denn ohne Midstream bleibt Wasserstoff weiterhin ein fragmentiertes Projektgeschäft, in dem Angebot und Nachfrage projektweise zusammengebracht werden müssen.

Deutschland macht Fortschritte. Die entscheidenden Fragen bleiben offen. 

Mit dem Wasserstoffbeschleunigungsgesetz und dem Entwurf zur Umsetzung des europäischen Gas- und Wasserstoffbinnenmarktpakets bewegt sich Deutschland grundsätzlich in die richtige Richtung, wenngleich die rechtskräftige Umsetzung von letzterem noch aussteht. Besonders relevant wäre dabei die erstmalige Verankerung eines rechtssicheren Transformationspfades für die regionale Gasinfrastruktur. Gasverteilnetzbetreiber könnten künftig auf Basis genehmigter Transformationspläne Leitungen auf Wasserstoff umstellen, Gasnetze schrittweise stilllegen sowie unter klar definierten Voraussetzungen neue Anschlüsse verweigern oder bestehende Anschlüsse trennen. Damit entstünde erstmals ein regulatorischer Mechanismus, um den Übergang von der Erdgas- zur Wasserstoffwirtschaft aktiv zu steuern.

Viel wichtiger ist jedoch die Schaffung langfristig belastbarer Investitionsbedingungen. Aber genau hier zeigt sich auch die größte verbleibende Unsicherheit. Während der Bundesrat zusätzliche Finanzierungsmechanismen für regionale Wasserstoffnetze, geringere Investitionsrisiken für Kernnetzbetreiber und weitergehende Entflechtungserleichterungen gefordert hat, lehnt die Bundesregierung diese Vorschläge bislang weitgehend ab. Damit bleibt insbesondere die Frage offen, wie Wasserstoffnetze außerhalb des Kernnetzes langfristig wirtschaftlich skaliert werden sollen.

Auch die Senkung von Finanzierungskosten durch staatliche Garantien, welche häufig einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor für kapitalintensive Infrastrukturprojekte darstellen, wurde bislang nicht in Betracht gezogen. Neben der Mobilisierung privaten Kapitals könnten diese auch den Bedarf an direkten Subventionen reduzieren.
Darüber hinaus ist die fehlende Definition von Systemdienlichkeit kritisch. Wenn Wasserstoff künftig eine tragende Rolle in einem resilienten Energiesystem spielen soll, müssen Elektrolyseure stärker als Flexibilitätsressource verstanden werden. Sie können Lasten verschieben, erneuerbare Energien integrieren, Redispatch reduzieren und zur Versorgungssicherheit beitragen.

Dennoch befindet sich die konkrete regulatorische Berücksichtigung und Vergütung dieses Systemwertes weiterhin in der Diskussion. 

Darüber hinaus bleiben zentrale Fragen offen: 

  • Wie wird Deutschland die Anforderungen der RED III hinsichtlich der RFNBO-Nutzung in der Industrie konkret national umsetzen? 
  • Welche Rolle werden wasserstofffähige Kraftwerke künftig spielen? 
  • Wie wird die Balance zwischen Elektrifizierung, Systemeffizienz und dem gezielten Einsatz von Wasserstoff ausgestaltet? 

Für Unternehmen entlang der Wasserstoffwertschöpfungskette sind das keine theoretischen Fragestellungen. Sie entscheiden über Investitionen mit Laufzeiten von mehreren Jahrzehnten. 

Fazit: Der Wasserstoffhochlauf braucht mehr als Regulierung 

Wenn wir über Wasserstoff sprechen, sprechen wir häufig über Gigawattprojekte, Importstrategien und Fernleitungsnetze, doch es ist der funktionierende Markt, der fehlt. 

Dafür braucht es drei Elemente gleichermaßen: 

  • langfristig verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, 
  • eine leistungsfähige Infrastruktur, 
  • einen Midstream, der standardisierte Handelsbeziehungen ermöglicht. 

Die europäische Regulierung schafft bereits heute einen klaren Nachfragepfad. Die Technologie ist größtenteils verfügbar. Die Infrastruktur befindet sich im Aufbau. Aber der Aufbau eines skalierbaren Marktes befindet sich noch in den Kinderschuhen. 

Und solange die Bedeutung des Midstream unterschätzt wird, kann sich dieser auch nicht vollständig entwickeln. Denn der Midstream reduziert Komplexität, schafft Markttransparenz, verteilt Risiken auf spezialisierte Akteure und ermöglicht damit den Zugang zum Wasserstoffmarkt auch für Stadtwerke, Kommunen und mittelständische Unternehmen. 

Politik, Infrastrukturbetreiber, Produzenten, Investoren und Abnehmer sollten den Fokus deshalb stärker auf den Aufbau eines leistungsfähigen Midstream-Segments legen. Erst wenn Wasserstoff standardisiert gehandelt, gespeichert, transportiert und vermarktet werden kann, wird aus einzelnen Projekten ein funktionierender Markt.  

Denn Wasserstoff ist weit mehr als ein weiterer Energieträger. Er ist ein zentraler Baustein eines resilienten und erneuerbaren Energiesystems. Ob der Hochlauf gelingt, wird nicht allein in Elektrolyseuren, Importterminals oder Pipelines entschieden. Sondern an der Fähigkeit, Regulierung, Infrastruktur und funktionierende Marktmechanismen zu einem belastbaren wirtschaftlichen Gesamtsystem zu verbinden.