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Der Utopist der Logistik: Das Physical Internet transformiert die Logistiklandschaft

Anna Nicole Fischer
6. Dez. 2022

Ehrgeizige Technologie im neuen Logistics Trend Radar (2022) von DHL: Das Physical Internet (PI) ist der derzeit wohl kühnste Ansatz zur nachhaltigen Umgestaltung der Logistik.

Es ist bemerkenswert einem Jongleur dabei zu zusehen, wie er zahllose Bälle in die Luft wirbelt, sie in konstanter Bewegung hält und mit eindrucksvollem Geschick wieder auffängt. Solches Geschick benötigt in unserer heutigen Welt auch ein Supply Chain Manager.

Die Konstellation von steigenden Transportkosten, mangelnden Frachtkapazitäten, drohender Rezession und Materialengpässen stellen das Supply Chain Management vor große Herausforderungen. Viele Dinge sind also gleichzeitig zu jonglieren und so mancher Supply Chain Manager sucht sich dafür entsprechende Unterstützung. Mit innovativen Planungssystemen mit KI-Technologie, der Diversifizierung der Lieferkette und weiteren Methoden versucht der moderne Supply Chain Manager seine Lieferkette resilient zu machen.

Einen wesentlich disruptiven Ansatz dafür stellt das PI – Physical Internet – dar. Das DHL Logistics Trend Radar stuft das Physical Internet als eine hochrelevante Entwicklung ein, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren realisiert werden könnte. Es verspricht nicht nur eine punktuelle, sondern eine ganzheitliche Verbesserung der Logistikbranche.

Intelligent vernetzt – mit unabhängigen Transportwegen

Das PI nimmt sich die Funktionsweise des Internets als Vorbild: Hier werden Datenpakete zwischen definierten Absendern und Empfängern ausgetauscht – doch welchen Weg sie letztendlich nehmen, ist beiden Seiten oft nicht nur unbekannt, sondern auch egal. Wenn wir zum Beispiel eine E-Mail senden, dann ist nur entscheidend, dass sie ankommt – ganz gleich, welchen E-Mail-Provider Sender und Empfänger nutzen.

Die Idee ist also, dass es keine Anordnungen mehr vom Sender bezüglich des Transports gibt – lediglich kostengünstig und schnell soll es sein. Die Sendungen suchen sich folglich selbst ihren Weg zum Ziel über ein Netz, das von jedem Versender genutzt werden kann.

Um dies in der Praxis umzusetzen, ist es notwendig, dass alle Akteure miteinander kollaborieren und sämtliche Objekte standardisiert vernetzt sind. Das PI will in der Welt der Logistik folglich mehr Wert bei gleichzeitig deutlich geringerem Aufwand schaffen. Bei dem jährlich steigendem Transportaufkommen scheint dies erstmal undenkbar – doch indem bestehende Ressourcen wie LKW, Container oder Lagerplätze intelligent aufgeteilt werden, sinkt beispielsweise der Bedarf für umweltschädliche Leerfahrten.

Im PI wird außerdem gewährleistet, dass Sendungen best- und schnellstmöglich ihren Zielort erreichen. Durch standardisierte Kommunikationswege, gemeinsame Lademittel und weitere Optimierungsbestrebungen, sollen Güter effizienter zum Zielort gebracht werden und die Glieder der Lieferkette nahtlos ineinandergreifen.

Standardisierung und Technologie sind der Schlüssel zum PI

Einige Beispiele, wie der den Transport von heute durch standardisierte Lademittel erleichtert wird, gibt es bereits – etwa den 20-Fuß-Container oder die genormte Europalette. Im PI spricht man unter anderem von sogenannten Pi-Containern: Neben Einhaltung der bekannten Standardmaße sind sie auch nachhaltig produziert und mit Hilfe von Sensorik IoT (Internet of Things) aktiv. Doch die Idee der Standardisierung wird im PI noch weiter ausgeführt. So werden Güter nicht nur in genormten Lademitteln versendet, sondern auch über gemeinsam genutzte Transportmittel und offene Transportnetze.

Das System entfaltet seine deutliche Skalierbarkeit, wenn ein Transportknoten ausfällt und die Ware einfach über einen anderen Transportknoten umgeleitet wird – Redundanz ist das Stichwort. Die heutigen Logistikknoten, in denen Waren gelagert oder umgeladen werden, wie Terminals, Häfen oder Vertriebszentren, werden im Physical Internet digital zugänglich und nutzbar für jedermann und können so als Umweg genutzt werden. Auch dies kann nachhaltige Entscheidungen fördern. Durch die automatisierte und schnelle Wahl einer alternativen Route werden Umwege zur Zwischenlagerung oder sogar zur Rücksendung eingespart. Durch den gleichzeitigen Einbezug von Echtzeitdaten können beispielsweise Staus vermieden und die Effizienz gefördert werden.  

Noch mangelt es an Kooperationsbereitschaft

Vor dem Hintergrund des Nachhaltigkeitsaspekts klingt das nach einem deutlichen Vorteil. Doch würden das alle Akteure befürworten – ihre Lagerplätze und die bestehende Flotte mit anderen Wettbewerbern zu teilen? Der heutige Logistikmarkt ist geprägt von einem grenzübergreifenden Verdrängungswettbewerb, in dem Daten Macht sind und eine grundsätzliche Aversion gegenüber Kooperation herrscht – Sharing Economy ist noch nicht weit verbreitet. Die Idee des PI setzt allerdings eine umfassende Marktöffnung voraus. Noch nicht bei jedem Logistikakteur trifft das derzeit auf Freude.

Andererseits sind sich Experten einig, dass die derzeitige Logistik noch immer ökonomisch und ökologisch ineffizient und zudem wenig nachhaltig sei. Eine vollumfängliche Lösung, die bestehende Ressourcen bestmöglich nutzt, muss also früher oder später her.

Heute in die Logistik der Zukunft investieren

Die Komplexität der Thematik macht deutlich, dass eine Methode benötigt wird, die über die derzeitige Logistikforschung hinausgeht. Um das Physical Internet in der Praxis umzusetzen, sind neue Geschäftsmodelle, neue Software, standardisierte Umschlags- und Lagerdienstleistungen sowie standardisierte IT-Services und umfassende Analysen sind vonnöten – darauf sollten sich Unternehmen jetzt vorbereiten. Auch wenn das PI derzeit noch mehr theoretisch als praktisch existiert und die Implementierung auf nationaler und globaler Ebene noch weit entfernt ist, so birgt das Konzept auch jetzt schon großes Potential für umfangreiche Firmennetzwerke.

Wie treiben wir Kollaboration und technologische Standardisierung voran, um dem Physical Internet gemeinsam den Weg zu ebnen? Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen über diesen und weitere Trends in der Logistik! 

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Autorin

Anna Nicole Fischer

Anna Nicole Fischer ist Business Analyst im Bereich Consumer Products, Retail & Distribution und Transport und fokussiert auf Supply Chain Management.