Als eine der ersten Bestimmungen des EU AI Acts trat – zeitgleich mit den Bestimmungen zu verbotenen Praktiken – am 2.2. 2025 Artikel 4 mit der Verpflichtung zum Aufbau von „KI-Kompetenz“ durch Unternehmen in Kraft. Bald darauf war der Begriff „KI-Kompetenz“ in aller Munde, Trainingsangebote feierten einen Boom und noch während Unternehmen definierten, was sie unter KI-Kompetenz verstehen, rollte Ende 2025 bereits der sogenannte Digtial Omnibus on AI1 an – mit Änderungsvorschlägen auch in Bezug auf KI-Kompetenz. Eine Einordnung.

Vorab: Vielen Dank an meinen Co-Autoren David Rappenglück und die Experten Björn Herbers und Phillipe Heinzke von CMS sowie an Lars Bennek und Oliver Stuke von Capgemini Invent!

Was ist KI-Kompetenz?

Auch ein Jahr nach Inkrafttreten fehlt ein einheitliches Verständnis von KI-Kompetenz. Die Definition des AI Acts ist bewusst offen formuliert: KI-Kompetenz umfasst „Fähigkeiten, Kenntnisse und Verständnis” für den informierten Einsatz von KI-Systemen unter Berücksichtigung von Chancen, Risiken und Rechten. Diese Offenheit ermöglicht unterschiedliche Auslegungen. Klar ist hingegen: Die Verpflichtung ist weder einmalig noch auf bestimmte Rollen beschränkt. Artikel 4 verlangt kontinuierliche Maßnahmen für alle Personen, die beruflich mit KI arbeiten.

KI-Kompetenz als Schulungsverpflichtung?

Viele Unternehmen interpretierten die Verpflichtung pragmatisch: Trainings und „KI-Führerscheine” wurden ausgerollt, ein abgeschlossener Kurs gilt als Nachweis. Doch der AI Act definiert nicht das “Wie”, sondern nur das “Was”: Kompetenz ist das Ziel, der Weg dorthin bleibt offen. Ob Trainings, Austauschformate, Wissensplattformen oder andere Maßnahmen – die Wahl des Formats liegt bei den Organisationen.

Die Bandbreite möglicher Ansätze zeigt sich an den mehr als 20 Programmen, die das Future of Life Institute für die Umsetzung von Artikel 4 zusammengestellt hat – mit Zeitaufwänden von 45 Minuten bis zu 40 Stunden.2

Was ändert der Digital Omnibus on AI?

Im November 2025 legte die EU-Kommission den Digital Omnibus on AI vor, der sich derzeit im Trilogverfahren befindet. Sein Ziel: Digitale Regulierungen zu vereinfachen. Auch Artikel 4 könnte davon betroffen sein. Der Vorschlag sieht vor, die Verantwortung für den Aufbau von KI-Kompetenz von einzelnen Organisationen auf die Mitgliedstaaten und die EU-Kommission zu verlagern.

Rechtlich bleibt die Situation eindeutig: Solange der Digital Omnibus nicht beschlossen ist, gilt die bestehende Verpflichtung unverändert. Dennoch interpretieren einige Unternehmen die bloße Aussicht auf eine Verlagerung bereits als Signal zur Zurückhaltung bei Investitionen in KI-Kompetenzprogramme.

Was würde eine Verschiebung der Verpflichtung hin zu Mitgliedsstaaten und der Kommission bedeuten?

Eine Verlagerung der Verantwortung auf staatliche Ebene hätte voraussichtlich zur Folge, dass Unternehmen ihre KI-Kompetenz-Initiativen zurückfahren. Viele würden sich vermutlich wieder auf anlassbezogene, Tool-spezifische Schulungen beschränken. Organisationen sollten das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Der Aufbau von Kompetenzen in der Nutzung von KI wird global als höchstrelevant für die Nutzung der Potentiale der Technologie eingeschätzt. Laut World Economic Forum priorisieren 77% der Arbeitgeber Reskilling/Upskilling für KI3. Lediglich in der EU, der regelmäßig nachgesagt wird, Technologien zu spät / falsch / widerwillig zu adaptieren, stand im zurückliegenden Jahr die Compliance mit Artikel 4 des EU AI Acts und weniger die strategischen Vorteile von KI-Kompetenz im Vordergrund.

Braucht KI-Kompetenz ein Reframing?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Während knapp ein Drittel der deutschen Unternehmen KI bereits einsetzen und gut 50% den Einsatz von KI entweder planen oder diskutieren4, haben weniger als 25% Regeln für den Umgang mit der Technologie etabliert5. Gleichzeitig kommen in schätzungsweise 40% der Organisationen private KI-Tools zum Einsatz6 – oft außerhalb jeglicher Governance-Strukturen.

Angesichts dieser Diskrepanz sollte KI-Kompetenz kein primär regulatorisch getriebenes Thema sein. Der systematische Aufbau von Kompetenz gehört zur grundlegenden Implementierung und Risikomitigation – insbesondere bei einer Technologie mit so vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. Nur kompetente Mitarbeitende können die Effizienzpotenziale von KI tatsächlich heben und gleichzeitig Risiken minimieren.

KI-Kompetenz als strategischer Enabler

Interessanterweise vertritt auch der Digital Omnibus on AI – trotz seines Vorschlags zur Verlagerung der Verpflichtung – eine klare Position: KI-Kompetenz sollte eine strategische Priorität sein, unabhängig von regulatorischen Verpflichtungen und möglichen Sanktionen – “AI literacy should be a strategic priority, regardless of regulatory obligations and potential sanctions”7.

Ein Jahr nach Inkrafttreten von Artikel 4 zeigt sich damit eine paradoxe Situation: Während die Regulierung möglicherweise entschärft wird, wächst das Bewusstsein für die strategische Bedeutung von KI-Kompetenz. Unternehmen, die jetzt in systematischen Kompetenzaufbau investieren, positionieren sich nicht nur als compliant, sondern als zukunftsfähig.

Vielen Dank an meinen Co-Autoren David Rappenglück und die Experten Björn Herbers und Phillipe Heinzke von CMS sowie an Lars Bennek und Oliver Stuke von Capgemini Invent!