Ob der tagelange Ausfall in Teilen Berlins oder die massive Spannungsstörung auf der Iberischen Halbinsel: Beides macht deutlich, dass Risiken schneller eskalieren können und Versorgungssicherheit aktiver abgesichert werden muss. Die Frage lautet nicht mehr, ob kritische Situationen auftreten – sondern wie gut wir darauf vorbereitet sind. Was macht moderne Stromsysteme anfälliger – trotz aller technischen Fortschritte?

Blackout in Spanien zeigt ein neues Kernrisiko

Auf der iberischen Halbinsel führte ein abrupter, starker Spannungsabfall dazu, dass sich Sicherheitsmechanismen gegenseitig hochschaukelten – und innerhalb von Sekunden große Teile des Systems automatisch abgeschaltet wurden. Rund 15 Gigawatt Leistung gingen verloren, zeitweise waren etwa 60 Prozent des Strombedarfs betroffen. Die Wiederherstellung dauerte Tage, weil organisatorische und technische Prozesse für Spannungskrisen nicht ausgelegt waren. Die zentrale Erkenntnis: Auch Spannung – bislang oft als beherrschbar angesehen – kann zum systemweiten Risiko werden.

Deutschland ist robust, aber nicht unangreifbar

Das gilt auch für Deutschland. Integrierte Netze, ein breiter Erzeugungsmix und die europäische Einbettung reduzieren das Risiko. Gleichzeitig verändert der steigende Anteil wechselrichtergekoppelter Erzeugung das Verhalten unseres Stromsystems: Viele dieser Anlagen stabilisieren die Netzspannung nicht mehr automatisch. Parallel wächst die Zahl nur begrenzt steuerbarer Einspeiser, die künftig schnell Größenordnungen von 20 Gigawatt erreichen könnten. Ohne zusätzliche steuerbare Kapazitäten, leistungsstarke Speicher und gezielt erschlossene Flexibilität steigt die Verletzlichkeit des Systems.

Externe Bedrohungen verlangen klare Zuständigkeiten und gezieltes Handeln

Der Ausfall in Berlin zeigt einen zweiten Risikobereich: gezielte Angriffe auf kritische Infrastruktur. Solche Ereignisse erfordern technische Schutzmaßnahmen sowie klare Abläufe und Eingriffsbefugnisse. Betreiber müssen im Ernstfall rechtssicher handeln können, damit kritische Einrichtungen schnell wieder versorgt und Kaskadeneffekte verhindert werden.

Beide Ereignisse – ob technischer Spannungsabfall oder externes Eingreifen – führen zu einer zentralen Frage: Wie machen wir unser Energiesystem widerstandsfähiger gegen sehr unterschiedliche, aber zunehmend wahrscheinliche Störfälle? Genau hier setzen die folgenden Handlungsfelder an.

Fünf Handlungsfelder für eine robuste Energieversorgung

  1. Systemstabilität sichern
    Deutschland benötigt eine verlässliche Reserve steuerbarer Leistung von mindestens 20 Gigawatt. Ergänzend müssen Blindleistungskapazitäten und Spannungsstützung an Netzknoten ausgebaut werden. Auch die Möglichkeit, Batteriespeicher und Rechenzentren über Pooling schnell einzubinden, erhöht die Stabilität.
  2. Flexibilität erschließen
    Flexibilitäten auszubauen stärkt die Resilienz des Systems. Damit Flexibilitäten wirksam werden, sind entsprechende Marktregeln und aktivierbare Steuerungsmechanismen erforderlich. So kann etwa die Elektromobilität mit bidirektionalem Laden oder Power‑to‑X‑Anwendungen Lastspitzen glätten und Überschüsse nutzen. Um solche Erfolgsmodelle voranzutreiben, braucht es jetzt die richtigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
  3. Digitalisierung beschleunigen
    Die Steuerbarkeit des Systems muss ausgebaut werden. Besonders große Wohnanlagen, Fuhrparks und Industrie bieten kurzfristig relevante Effekte. Schrittweise sollten auch Haushalte eingebunden werden, um dezentrale Erzeuger und Verbraucher systemdienlich zu vernetzen.
  4. Datenverfügbarkeit verbessern
    Für eine stabile Netzführung sind Echtzeitdaten in gesicherten Datenräumen für Verteil- und Übertragungsnetzbetreibern zwingend notwendig. Standardisierte Prognosen und klare Verantwortlichkeiten helfen, Fehler zu reduzieren und Kaskaden zu verhindern.
  5. Rechtliche Klarheit schaffen
    Resilienz braucht eindeutige Regeln. Betreiber kritischer Infrastruktur müssen wissen, welche präventiven und reaktiven Maßnahmen erlaubt sind. Auch Sicherheitsanforderungen und Vorgaben für den Umgang mit physischen und digitalen Bedrohungen müssen klar definiert sein.

Klar handeln statt abwarten

Die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen, dass Risiken immer vielfältiger und weniger vorhersehbar werden. Deutschland ist gut aufgestellt, doch Strukturvorteile allein reichen nicht mehr aus. Resilienz entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch ein Zusammenspiel: robuste Spannungshaltung, digitale Steuerung, verlässliche Daten und klare Regeln für den Ernstfall. Alles ist vorhanden – jetzt gilt es, diese Maßnahmen konsequent umzusetzen.

Die Energiewende ist eine der prägendsten Herausforderungen unserer Generation.  Gleichzeitig eröffnet sie die Chance, eine dynamischere Wirtschaft, eine gerechtere Gesellschaft und einen gesünderen Lebensraum zu gestalten – getragen von sauberer, bezahlbarer und im Überfluss verfügbarer Energie.