IT-Trends im Public Sector: Demografischer Wandel – Problem erkannt, weggerannt?

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Die Arbeitnehmer der geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente. Der öffentliche Sektor ist von diesem Mitarbeiterverlust stärker betroffen als die Wirtschaft, steuert aber weniger gegen.

Thomas Heimann, Capgemini

In Deutschland herrscht seit Jahren Fachkräftemangel und das wird sich auch so schnell nicht ändern, wenn man den Befragten der IT-Trends-Studien* glaubt. Sie haben im vergangenen Jahr einen moderaten Anstieg des Fachkräftemangels beobachtet und gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzen wird. Gleichzeitig gehen viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand: In der Wirtschaft rechnen Unternehmen in den nächsten zehn Jahren mit einer Quote von knapp 21 Prozent, der öffentliche Sektor wird in diesem Zeitraum nach Schätzung der Befragten sogar knapp ein Viertel seiner Beschäftigten verlieren.

Automatisierung ist das Mittel der Wahl

Trotz des heute schon herrschenden Fachkräftemangels sehen die befragten Führungskräfte diese Tatsache relativ gelassen. Im Durchschnitt erwarten sie nur leicht negative Auswirkungen auf ihren Verantwortungsbereich, obwohl die demografischen Daten zeigen, dass die Anzahl der Menschen in Deutschland – und damit der potenziellen Arbeitskräfte – in den kommenden Jahren stetig abnehmen wird. Denn mehr als 12,6 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 55 und 64 werden über kurz oder lang in den Ruhestand gehen. Ihnen gegenüber stehen aber nur knapp 10,5 Millionen Menschen im Alter von 35 bis 44 Jahren. Und die 15- bis 24-jährigen sind zusammen nur noch knapp 8,7 Millionen.

Damit der demografische Wandel nicht zum Problem wird, müssen Unternehmen und Behörden rechtzeitig gegensteuern: Sie müssen automatisieren, um dieselbe Arbeit mit weniger Personal zu erledigen. Und da im öffentlichen Sektor eine Vielzahl an Verwaltungsprozessen abzuwickeln sind, gibt es ohne Digitalisierung kaum Möglichkeiten zur Automatisierung.

Öffentlicher Sektor schöpft Technologie-Potenziale nicht aus

Knapp 54 Prozent der Behördenvertreter gaben an, dass die Digitalisierung im Zuge der Corona-Pandemie in ihrem Haus intensiviert wurde. Davon profitierten aber hauptsächlich mobiles Arbeiten und das Angebot digitaler Verwaltungsleistungen. Automatisierung und andere grundlegende Verbesserungen der technologischen Infrastruktur blieben mehr oder weniger auf der Strecke. Das zeigen auch die folgenden Zahlen: Während Unternehmen den Automatisierungsgrad an deutschen Standorten im letzten Jahr um 21,5 Prozent erhöht haben, erreichte der öffentliche Sektor lediglich 17 Prozent.

Aber nicht nur der Umfang, sondern auch die Methoden unterscheiden sich: Die Wirtschaft setzt neben regelbasierter Automatisierung deutlich stärker auf Software-Roboter als der öffentliche Sektor. Darüber hinaus sind Unternehmen bei der Automatisierung mit Hilfe intelligenter Technologien weiter.

Die Wirtschaft bemüht sich auch im Zusammenhang mit anderen Themen, Mehrarbeit mit der Modernisierung der IT abzufangen, anstatt Überstunden anzuordnen. Im öffentlichen Sektor ist diese Trendwende noch nicht angekommen, obwohl klar ist, dass in zehn Jahren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Behörden sowieso wesentlich mehr erledigen müssen als heute, weil sie nicht mehr so zahlreich sein werden.

Vorausschauendes Handeln vermeidet Engpässe

Der demografische Wandel beunruhigt im Moment weder Führungskräfte aus der Wirtschaft noch des öffentlichen Sektors. Letztere haben das Problem erkannt und diskutieren es auch, aber es passiert noch zu wenig. Einerseits stehen Personalvertretungen Automatisierung kritisch gegenüber, andererseits werden ethische Aspekte diskutiert, für die es bereits Lösungen gibt. Der Grund für die mangelnde Initiative ist vielleicht, dass die Auswirkungen des Wandels und die damit verbundene Überlastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Behörden gefühlt in ferner Zukunft liegen und es gerade andere, drängendere Probleme gibt. Aber zehn Jahre vergehen schnell und wir haben es mit einem Phänomen zu tun, dem man nicht innerhalb von 24 Monaten begegnen kann. Deshalb denke ich, dass man sich rechtzeitig mit dem Thema und seinen Folgen auseinandersetzen sollte, um den Handlungsspielraum zu erhalten. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Wenn Sie es interessant finden, sprechen Sie mich an oder besuchen Sie uns vom 10. bis zum 12. Mai beim Online-Event „Digitaler Staat“ des Behörden Spiegels. Dort stellen wir auch die Ergebnisse der IT-Trends-Studie Public Sector vor. Die Termine und weitere Informationen dazu finden Sie hier.

 

*An der IT-Trends-Studie von Capgemini nahmen im Oktober 2020 109 Führungskräfte aus der Wirtschaft teil, 72 davon arbeiten in deutschen Unternehmen. Gleichzeitig wurden in Zusammenarbeit mit dem Behörden Spiegel 94 Entscheidungsträgerinnen und -träger von deutschen Behörden sowie deren IT-Dienstleister befragt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden in der IT-Trends-Studie Public Sector veröffentlicht.

 

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