Barrierefreiheit durch Software: Die Zukunft des UX-Designs

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Wer User-Bedürfnisse ernst nimmt, bereitet der digitalen Inklusion automatisch den Weg, meint Nico Maikowski. Ein Interview über Teilhabe, Idealismus und die Anforderungen an zeitgemäßes UX-Design.

Nico Maikowski ist seit 2018 Senior UX Expert am Capgemini-Standort Nürnberg und coached Kolleg*innen zu den Voraussetzungen und Möglichkeiten von barrierefreier Software. Für Nico ist digitale Inklusion kein Nischenthema, sondern die Voraussetzung dafür, dass Kunden weiterhin große Zielgruppen erreichen. Im Gespräch erzählt er, was Capgemini-Bewerber*innen über Barrierefreiheit in der Software- und Webentwicklung wissen müssen.

Barrierefreiheit durch Software: Wen betrifft digitale Inklusion?

Eine provokante Frage, Nico: Ist digitale Inklusion eine Mode oder ein Zukunftsthema?

Absolut keine Mode! Das Web ist von Anfang an als inklusive Plattform gedacht gewesen, die jedem Menschen die digitale Partizipation ermöglichen soll. „The power of the WWW is in its universality. Access by everyone regardless of disability is an essential aspect.“ Das sagte Tim Berners Lee, einer der Pioniere, die das WWW aufgebaut haben. Menschen mit Behinderung sind also eine ganz normale Nutzergruppe, die berechtigte eigene Ansprüche an Software haben. Diesen Ansprüchen wollen wir im UX-Design langfristig begegnen.

Wann ist Software barrierefrei?

Jede Nutzer*innengruppe wird von individuellen Barrieren behindert. Deshalb brauchen gehörlose Menschen etwa Texte in Videos, sehbehinderte Menschen hingegen einen Screenreader, der den Bildschirm vorliest. Auch Sprachanwendungen müssen inklusiv sein. Voice Interfaces wie Alexa sind zum Beispiel für Menschen mit Sprachfehlern oder auch Dialekten schwer zu benutzen.

Barrierefreiheit zwischen Software und Gesetz

Welche Gesetze oder Richtlinien regeln digitale Inklusion und barrierefreie Softwareentwicklung?

Da ist zuallererst das Europäische Barrierefreiheitsgesetz, das bislang vor allem für Behörden gilt und aktuell in deutsches Recht umgesetzt wird. Aber auch Unternehmen werden auf dieser Grundlage immer stärker gesetzlich gefordert werden, insbesondere in den Bereichen Onlinehandel, Banken, und mehr. Hier muss bis zum Jahr 2030 Barrierefreiheit erreicht werden.

Das erhöht den Druck auf Unternehmen, inklusives Design zu implementieren, nicht wahr?

Dies ist die Intention der EU. Insofern halte ich digitale Inklusion für eine der wichtigsten Zukunftsentwicklungen. Barrierefreiheit betrifft jedoch nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch die Silver Ager, Menschen die zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Die sind digital häufig fit, verlieren aber zum Beispiel an Seh- oder Hörkraft. Von solchen Nutzer*innen gibt es in naher Zukunft bekanntlich sehr viele mehr. Deshalb versuchen wir bei Capgemini so viel Aufklärungs- und Integrationsarbeit zu leisten wie möglich.

Der Prozess barrierefreier Softwareentwicklung

Wie gehst du vor, wenn du eine Software barrierefrei umsetzt?

Zu Beginn versuche ich zu verstehen, welche Zielgruppen ich erreichen will. Gerade im öffentlichen Sektor müssen wir dabei die Anforderungen von Menschen mit Behinderung schon in der Konzeptphase bedenken. Bestimmte Aspekte der Barrierefreiheit betreffen aber noch viel mehr Personen. 10 Prozent aller Männer haben etwa eine Rot-Grün-Schwäche. Deshalb umfasst barrierefreie Softwareentwicklung auch solche Basics wie zum Beispiel den Kontrast von Texten zu Farben.

In welchen Programmiersprachen, mit welchen Tools und Technologien realisieren UX Designer digitale Inklusion?

Grundsätzlich sind alle Sprachen mit den Inklusions-Zielen kompatibel, auch weil die WCAG (Web Accessibility Guidelines) keine spezifischen Regeln vorschreiben. Die geltende europäische Richtlinie 2016/2102 ist da strenger. Am Ende kommt es aber vor allem darauf an, die Anforderungen an Barrierefreiheit klar zu formulieren und in der Software umzusetzen. Durch HTML5 ist das im Web-Bereich besonders einfach. Wer in HTML5 gut programmiert, erfüllt schon die wichtigsten Anforderungen an Barrierefreiheit.

Und wie wird inklusives Design bei Capgemini getestet?

Es gibt Browser-Plug-Ins und Tools, die während der Entwicklungsphase bereits automatisiert testen. In einem agilen Umfeld garantieren Sie ein Minimum an Nutzerfreundlichkeit. Kurz vor dem Release machen wir dann summative Tests und gehen eine Liste mit klaren Vorgaben durch. Empfehlenswert ist außerdem, die Software auch durch Nutzer*innen aus der Zielgruppe testen zu lassen.

Lässt Barrierefreiheit sich auch im Nachhinein noch erreichen? Etwa wenn eine bestehende Website ein inklusives Design bekommen soll?

An diesem Punkt wird Barrierefreiheit eigentlich zu spät berücksichtigt. Es ist dann sehr viel aufwändiger, ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen und zum Beispiel die Anforderungen eines Abnahme-Siegels zu erfüllen.

Die Capgemini-Perspektive auf barrierefreie Softwareentwicklung

Wie positioniert sich Capgemini beim Thema Barrierefreiheit von Software?

Bei Capgemini legen wir Wert darauf, dass alle Mitarbeitenden für das Thema sensibilisiert sind. Die Kolleg*innen im UX- oder Public-Bereich bringen das notwendige Wissen und eine grundlegende Zertifizierung mit. Genau diese Expertise geben wir ja an unsere Kunden weiter. Aber auch die Kolleg*innen aus anderen Bereichen achten darauf, dass inklusives Design mitgedacht wird.

Jeder trägt persönlich Verantwortung für digitale Inklusion?

Ja, aber Capgemini setzt auch die passenden Rahmenbedingungen. Als unser Team in Nürnberg ein neues Office bezogen hat, achtete Capgemini sehr genau darauf, wie viel echte Barrierefreiheit wir brauchen, um in der Lage zu sein, auch digitale Barrierefreiheit herzustellen. Da gibt es natürlich viele Parameter, die weit über Software hinausgehen.

Du argumentierst für eine ganzheitliche, barrierefreie Software Definition. Wie holst du deine Kolleg*innen mit an Bord?

Ich selbst biete interne Trainings zur Accessibility an, um meine Kolleg*innen zu sensibilisieren. Ich richte mich auch an unsere Entwickler*innen, denn digitale Inklusion ist nicht nur für die UX relevant. Bei diesen Schulungen setzen wir unter anderem kleine Pappbrillen auf, die den grauen Star simulieren. Dann erfahren die Kolleg*innen am eigenen Leib, was es bedeutet, nicht alle Erfordernisse zu erfüllen, die eine Software an ihre Benutzer*innen stellt. Danach denken sie Barrierefreiheit bei der Softwareentwicklung bewusster mit.

Trägst du das Thema barrierefreie Software auch über die Grenzen des Unternehmens hinaus?

Wir halten Gastvorträge an Universitäten. Wir wollen auf die Erfahrung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen – visuelle, sprachliche und kognitive – aufmerksam machen. So bereiten wir die nächste Arbeitnehmer*innen-Generation darauf vor, dass sie eine barrierefreie Softwaredefinition verinnerlicht. Dieses Engagement lohnt sich: In Bewerbungsgesprächen haben die meisten Kandidat*innen, die ich kennenlerne, von digitaler Inklusion schon gehört.

Du bist ein Botschafter für digitale Inklusion, aber wo holst du dir deine Impulse?

Als Mitglied der German UPA, dem Berufsverband der UX und Usability Professionals, engagiere ich mich im Arbeitskreis Barrierefreiheit. Oder durch die Teilnahme am Hackathon des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales #codebarrierefrei im Juni 2021, bei dem wir mit unserem Wissen innovativen Ideen zur Umsetzung verhelfen. Unsere allgemeinere Aufgabe besteht aber darin, den Überblick über Plug-Ins, Softwares und Trends zu behalten. Dieses Knowhow gebe ich dann bei Capgemini nach innen weiter.

Hier dürfen sich Bewerber*innen für digitale Inklusion begeistern

Ist Capgemini als Arbeitgeber offen für Idealist*innen und Weltverbesserer?

Idealismus spielt immer eine große Rolle. Wie einfach es oft wäre, sehr viel weniger Menschen auszugrenzen! Manchmal müssen wir nur zwei kleine Änderungen berücksichtigen, um gigantische Erleichterungen zu erzielen. Wenn wir dann positives Feedback bekommen – das ist für uns in der UX ein emotionaler Erfolg.

Welche Erfahrungen mit barrierefreier Softwareentwicklung sollten Bewerber*innen mitbringen?

Digitale Inklusion ist immer noch so speziell, dass wir umfassende Kompetenzen gar nicht richtig voraussetzen können. Das W3C-Zertifikat bringen Bewerber*innen im Idealfall mit. Wichtiger sind uns jedoch UX-Kenntnisse, ein Verständnis dafür, wie ich Nutzer*innen einbinde. Das ist die Grundlage von Inklusion.

In meinem Team haben wir zwei Kolleginnen, die ohne Vorkenntnisse über Barrierefreiheit gestartet sind. Wer grundsätzlich weiß, worum es bei Barrierefreiheit und Inklusion geht und wie einige der Zielgruppen aussehen, findet sich bei uns zurecht. Die wichtigsten Erfahrungen sammeln wir bei Capgemini sowieso im Job.

Nico, vielen Dank, dass du uns die Schnittstelle zwischen Barrierefreiheit und Software gezeigt hast.

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