Zum Inhalt gehen

Warum E-Commerce-Händler jetzt in den Profitabilitätsmodus wechseln sollten

Felix Rumpf
14 Jul 2022
capgemini-invent

In den letzten Jahren hat der Onlinehandel sehr stark an Bedeutung zugenommen und weist hohe Wachstumsraten auf. 

Vor allem während der Corona-Pandemie führte die bequeme und sichere Art des Online-Einkaufs zu stark steigenden Umsätzen, während der stationäre Verkauf stagnierte.

Dieses Wachstum wurde durch günstiges Geld von Banken, Investoren und Stakeholdern unterstützt. Angesichts der zunehmenden Inflation und der steigenden Zinssätze wird die Investitionsbereitschaft abnehmen und den Profitabilitätsdruck für Onlinehändler erhöhen. Einzelhändler sollten daher unprofitables Wachstum vermeiden und sich auf gesundes Wachstum fokussieren.

Hinzu kommt, dass die Logistikkosten in den letzten Jahren bereits überproportional gestiegen sind. Je nach Industrie liegt der Anteil der Logistikkosten am Online-Nettoumsatz bei 9 – 35%. Steigende Personal-, Material- und Energiekosten werden die Profitabilitätsziele der Online-Händler zusätzlich erschweren.

Der folgende Auszug an Hebeln zeigt daher Möglichkeiten auf, wie Sie Ihre Profitabilität verbessern können:

  • Aufbau eines effizienten und resilienten Supply Chain Netzwerks

Die Neugestaltung der Lagernetzwerkstruktur ist häufig der Startpunkt zur ganzheitlichen Optimierung der Lieferkette und ermöglicht eine Senkung der Logistikkosten von mindestens 10%. Dies ist jedoch abhängig von den angestrebten Lieferzeitversprechen. Beispielweise beobachten wir aktuell, dass vor allem Lebensmitteleinzelhändler mit sogenannten City Hubs experimentieren, um Lieferzeiten zu reduzieren. Dies erhöht jedoch die Komplexität und die Logistikkosten. Andere Einzelhändler müssen den tatsächlichen Wert dieser City Hubs für ihre geschäftliche Profitabilität sorgfältig bewerten und sollten bei ihrer Standortwahl Faktoren wie die Bevölkerungsdichte und die Dichte der stationären Läden berücksichtigen.

  • Verwendung etablierter und neuer Planungsmethoden

Ein integrierter Planungsprozess mit regelmäßigen Planungszyklen, an dem mehrere Abteilungen wie Vertrieb, Logistik, Einkauf und Finanzen beteiligt sind, ist die Grundlage für eine effiziente Steuerung der Budgets, Absätze, zu beschaffenden Waren, Ressourcen und Kapazitäten.

Zusätzlich bieten neue Planungsmethoden, wie Demand Sensing, auf der Grundlage fortgeschrittener Regressionsmodelle und Mustererkennung die Möglichkeit, zu einer qualifizierten Bewertung kurzfristiger Vorhersagen beizutragen. Vor allem bei der Einführung neuer Produkte für diese wenige historischen Daten zur Verfügung stehen, ermöglicht Demand Sensing bessere Abschätzungen.

  • Realisierung flexibler Lagerstrukturen mit dem richtigen Maß an Automatisierung

Lagerstrukturen müssen kontinuierlich auf stets ändernde Geschäftsanforderungen (bspw. verändertes Produktportfolio, schnellere Durchlaufzeiten, schwankende Nachfragen) anpassbar sein. Obwohl mit einem neuen Lager Investitionen für viele Jahre getätigt werden, darf durch die sich verändernden Anforderungen nicht vergessen werden, dieses durchgehend zu optimieren. Flexibilität und Wandlungsfähigkeit mit dem richtigen Maß an Automatisierung bilden die Basis für eine nachhaltige Kostenreduktion.

Neue Lagertechnologien unterstützen diesen Flexibilitätsbedarf und ermöglichen erhebliche operative Kosteneinsparungen. Einige neue Lager- und Kommissioniersysteme wie AutoStore reduzieren Personalkosten, erhöhen die Flächenauslastung und bieten eine gute Skalierbarkeit. Weitere Lösungen wie CarryPick, Skypod, Packsize oder Magazino bieten eine breite Palette von Möglichkeiten für Online-Händler.

  • Systematische Analyse der Retourengründe

Retouren können einen großen Einfluss auf die Profitabilität im Onlinehandel haben. Die Rücksendequoten sind je nach Branche sehr unterschiedlich und reichen von 7 % bei Baumärkten bis zu über 50 % bei Modehändlern. Unabhängig von der Retourenquote sollte jeder Einzelhändler einen digitalisierten Prozess etablieren in dem Retourengründe gesammelt, kontinuierlich analysiert und Maßnahmen abgeleitet werden. So kann beispielsweise ein Artikel mit einer hohen Bruchrate eine andere Verpackung erfordern oder ein Artikel mit einem vom Kunden anders wahrgenommenen „Look & Feel“ eine bessere Produktbeschreibung im Webshop bedingen.

  • Zusammenarbeit mit E-Commerce-Partnern

Neben den traditionellen Logistikpartnern sind in der Vergangenheit neue auf den Onlinehandel spezialisierte Akteure entstanden. Beispielsweise verbinden länderübergreifende Lieferplattformen wie Seven Senders Verkäufer mit lokalen Lieferunternehmen. Durch den Einsatz eines optimalen länderübergreifenden Mix an Transportdienstleistern können die Versandkosten um bis zu 30 % gesenkt werden. Andere Plattformen wie Instacart bieten Last-Mile-Dienste, wie Crowdsourced Delivery an: Sie nutzen lokale, nicht professionelle Kuriere, um Pakete oder Lebensmittel an die Haustür der Kunden zu bringen.

  • Berücksichtigung von Profitabilität bei Sortimentsentscheidungen

Die Auswahl der Produkte, die online verkauft werden sollen, erfordert mehr als nur die Auswahl der Produkte mit dem höchsten Umsatzpotenzial. In der Regel fehlt den Vertriebsteams die Transparenz über die Margen und Fulfillment-Kosten auf SKU-Ebene, was bedeutet, dass sie unwissentlich unprofitable Entscheidungen treffen. Einzelhändler sollten diese granulare Kostentransparenz aufbauen, um Profitabilität in ihre Sortimentsentscheidungen zu integrieren.

Es gibt nicht die eine Lösung zur Verbesserung der Profitabilität. Vielmehr ist es ein Zusammensetzen aus vielen kleinen Puzzleteilen. Die genannten Hebel vermitteln einen ersten Eindruck der relevanten Dimensionen, auf die Sie sich konzentrieren sollten. Die Priorität dieser Hebel kann je nach Branche und Unternehmen variieren.

Autor

Felix Rumpf

Supply Chain Transformation
Ich unterstütze unsere Kunden in der Bewältigung der Herausforderungen ihrer globalen Lieferketten. Dabei liegt mein Fokus darauf, nachhaltige Logistiknetzwerke zu designen sowie Profitabilität in den Fokus von deren E-Commerce Geschäftsmodellen zu stellen, um ein nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen.