Bimodale IT beschreibt die Praxis zweier separater und doch kohärenter Verfahrensweisen – die traditionelle und die agile IT. Beide laufen unterschiedlich schnell. Seit Gartner den Begriff 2014 prägte wird er vielerorts diskutiert und auf unserem Kundenforum mal in ganz neuer Manier. Die Hälfte glaubt, der steigende Zeitdruck in der Produkteinführung (Time-to-Market) wird branchenunabhängig alle Bereiche der IT erreichen und damit auch in den Backend-Systemen das Tempo vorgeben – dort, wo eine Idee heute gerne mehrere Monate bis zur Umsetzung braucht. Der Weg zum schnelleren Time-to-Market verläuft unweigerlich auf agilen Pfaden. Was dafür auf Architekturseite notwendig ist und was das letztlich mit der Unternehmensorganisation zu tun hat, darum geht es im Folgenden.

Für die Agilität von Unternehmen und IT-Abteilungen habe ich folgende drei Stufen definiert:

  • Agile – The Standard: Alle IT-Abteilungen setzen heute agile Methoden ein. Trotzdem benötigt eine Idee bis zu ihrer Umsetzung in produktiven IT-Systemen sechs bis zwölf Monate.
  • More Agile: Ausgewählte IT-Bereiche sind schon etwas schneller. Sie bringen eine Idee in zwei bis drei Monaten zur Verwirklichung.
  • Agilíssimo – Leading Edge: Im eCommerce und anderen Bereichen mit ähnlichem Time-To-Market-Druck ist es heute schon möglich, eine Idee in ca. zwei Wochen zur Produktion zu bringen.

Angenommen Sie müssen am Dialog, im fachlichen Service und in der Datenbank etwas neu implementieren. Wie lange dauert das bei Ihnen? Dieselbe Frage habe ich auch an die Teilnehmer des Forums gerichtet. Wenn Sie als Antwort Ihren agilsten Bereich bei „More Agile“ einordnen, dann liegen Sie genau da, wo sich auch die meisten Teilnehmer unserer Umfrage gesehen haben. Agilíssimo ist die Ausnahme – aber die wichtige Botschaft ist: Agilíssimo existiert und ist keine Vision.

Wie wird man Agilíssimo?

Das ist die naheliegende Frage. Auf dem Forum waren sich alle einig: der einzige Weg führt über die folgenden Maßnahmen:

  • Automatisierung ist ein Gebot der Stunde: zwischen dem Einchecken von neuem Code und dem Deployment in der Produktion bleibt künftig keine Zeit mehr für manuelle Schritte. Aufwändige Benutzerakzeptanztests von Hand müssen der Vergangenheit angehören und automatisierte Tests die Zukunft sein. Das gleiche gilt für Deployment- und Monitoring-Prozesse.
  • Enge Zusammenarbeit aller Abteilungen im Projekt: Entscheidungen können nur dann schnell genug für Agilíssimo getroffen werden wenn Fachbereich, Entwicklung, Test und Betrieb in ihrer direkten Projektzusammenarbeit alle auch zu solchen befähigt sind.
  • Agilere Architekturen: Der Hype um Microservices ist hier nur die Spitze des Eisberges verschiedener Architekturtrends, die mehr Agilität zum Ziel haben. Event-getriebene Architekturen, die Integration leichtgewichtiger Produkte für das Business Process Management oder die Verschmelzung von OLAP und OLTP (operative und analytische Services auf derselben Datenbank implementieren) sind andere aktuelle Beispiele für Architekturkonzepte, die agiler machen.

Ein Teilnehmerzitat hat es auf den Punkt gebracht: „Am Anfang der Veranstaltung vor neun Jahren ging es nur um Architektur und Technik, jetzt hauptsächlich um Architektur und Organisation. Aber, was haben Architekten mit Organisation zu tun?“ Die Antwort steckt bereits in der Kombination der drei Maßnahmen. Denn wenn Sie neue und agilere Architekturen in enger Zusammenarbeit aller Abteilungen automatisiert umsetzen möchten, dann müssen Unternehmen nicht nur ihre IT sondern sich gänzlich neu organisieren. Produktorientierte Organisationen liegen im Trend. Seit meinem Artikel über Software-Entwicklung 4.0 vor einem Jahr ist mir das noch klarer geworden.

Welche Frage mich seit der Diskussionsrunde persönlich beschäftigt: werden wir in Zukunft wirklich die gesamte IT auf maximale Agilität trimmen müssen oder wird es doch Bereiche geben, wo kosteneffizient weiter das Maß der Dinge ist? Was meinen Sie dazu?