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Stellantis Akademie: Nicht jeder kann Software, aber viele

Publish Date: 06/2022

Autohersteller Stellantis plant, jährlich eine vierstellige Anzahl an jahrelangen Mitarbeiter für die Softwareeinheit SWX aufzubauen. Dafür müssen sie ausgebildet werden. Das ist eine Herausforderung.

Stellantis hat Großes vor: Bis 2024 will der Automobilhersteller drei neue KI-gestützte Technologieplattformen fertig haben. „Brain“, „Smartcockpit“ und „AutoDrive“ sollen dann Over-the-Air-Updates ermöglichen, das digitale Leben ins Auto holen und autonomes Fahren vorbereiten. Peilt die Konzernspitze bis 2026 noch vier Milliarden Euro Jahresumsatz mit softwaregestützten Produktangeboten und Abonnements an, soll diese Summe bis 2030 bereits auf das Fünffache gestiegen sein. Die Herausforderung ist zunächst fast weniger eine technische, als vielmehr eine der fehlenden personellen Ressourcen.

Transformation plus Alterspyramide: Die Herausforderungen für OEMs und Zulieferer

OEMs und Autozulieferer sitzen in einer doppelten Falle: Zum einen erfordert die Transformation in der Industrie oft neue Fähigkeiten der Mitarbeiter ein. Zum anderen verlassen immer mehr kompetente und erfahrene Mitarbeiter aus Altersgründen die Unternehmen. In den kommenden zehn Jahren wird nach Zahlen der IT Trend Studie 2022 von Capgemini mehr als jeder fünfte Mitarbeiter (23 %) in der IT in den Ruhestand gehen – Tendenz: steigend. Mehr als 50 Prozent der CIOs in Unternehmen befürchten negative Auswirkungen, nur knapp 13 % sehen die Situation optimistisch. Know-how-Verlust, Fachkräftemangel und Verlust von Leistungsträgern treiben den CIOs dabei die größten Sorgenfalten auf die Stirn.

Aus einem Ingenieur einen Softwareexperten machen

Stellantis ergreift die Flucht nach vorne: Von den mehr als 30.000 Ingenieuren im Unternehmen will der globale Chef der Software-, Hardware- und KI-Entwicklung Joachim Langenwalter nach und nach etwa 15 Prozent in seiner neuen Softwareeinheit weiterbeschäftigen. Etwa 1.000 Mitarbeiter sind bereits in der „Stellantis SWX“ (kurz für Software-Driven Experience) vereint. „Wir wachsen derzeit pro Monat dreistellig“, freut sich Langenwalter, „die eine Hälfte kommt aus dem Unternehmen, die andere wird extern aufgebaut.“ Eine zunehmende Rolle wird die Stellantis Data & Software Akademie dabei spielen, Mitarbeiter, die bislang in der Fertigung, der Qualitätssicherung, für Otto- oder Dieselmotoren und Ähnliches ihr Wissen eingebracht haben, für neue Aufgaben fit zu machen. „Wir bieten unseren loyalen Mitarbeitern weitere Wachstumschancen“, sagt Langenwalter. Zudem seien die eigenen Mitarbeiter besonders motiviert, wenn sie damit ihren sicheren Job behalten könnten.

Stellantis Data & Software Akademie: 500 bis 1.000 Mitarbeiter jährlich auf eine neue Rolle im Unternehmen vorbereiten

„Neben der kontinuierlichen Weiterbildung von Softwarespezialisten und Datenexperten geht es uns künftig besonders darum, Kollegen in den Softwarebereich zu bringen, die bisher im Engineering, in der ICT, aber auch im Sales, im Service oder der Fertigung gearbeitet haben“, sagt Anne Fenninger, die seit Anfang des Jahres die Stellantis Akademie aufbaut. 500 bis 1.000 Mitarbeiter will die für die Data & Software Akademie verantwortliche Fenninger Jahr für Jahr weiterbilden und umschulen: „Find the best fit to the past they have“, lautet ihr Motto. Nicht jeder erhält die Chance auf einen Platz in der Akademie. Von den etwa 250 Stellantis-Mitarbeitern, die sich innerhalb der ersten sechs Wochen nach Gründung der Akademie für ein Training beworben haben, wurde bisher etwa jeder zweite genommen. „Ihre technischen Fähigkeiten, Soft Skills und auch der Englisch-Level müssen passen“, so Fenninger.

Was Partnerschaften mit Universitäten, Unternehmen und Dienstleistern leisten

Partnerschaften spielen in der Qualifizierung der Zukunft eine wichtige Rolle: So unterstützt die Oakland University die Stellantis Data & Software Akademie künftig darin, etwa Ingenieuren ohne Software-Hintergrund das „Big Picture“ zu vermitteln und Deep Dives etwa für Embedded Software oder Cyber Security anzubieten. Softwaregigant Amazon wird Trainings für Amazon-spezifische Services anbieten. Derzeit laufen Gespräche mit potenziellen Partnern aus Italien, den USA und Indien.

Auch der Lehrstuhl für Robotik, künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme der TU München diskutiert mit der Stellantis-Akademie, inwieweit ein Curriculum für künstliche Intelligenz den Autokonzern unterstützen kann. Lehrstuhlinhaber Prof. Alois Knoll hat jahrzehntelange Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der Industrie in Forschung, Entwicklung und Ausbildung. „Bei dem Bedarf in der Autoindustrie könnte man da einen eigenen Erwerbszweig draus machen“, ist sich Knoll sicher. Bei VW etwa hätten sich tausende Ingenieure viele Jahre darauf konzentriert, das Tuning von Parametern für Dieselmotoren zu übernehmen. „Ihnen eine neue Perspektive zu geben, ist eine Herausforderung“, so Knoll, der für die Weiterbildung von Experten auf Seiten von OEMs und Zulieferern besonders die Universitäten und Fachhochschulen in der Pflicht sieht: „Handwerkskammern etwa können die Aus- und Weiterbildung in sehr komplexen Technologien wie künstliche Intelligenz heute oft nicht mehr leisten.“

Personalisierte Trainingspfade für geeignete Kandidaten

Entsprechend stützt sich Stellantis-Manager Langenwalter auf Kooperationen mit Unis und Partnern aus der Industrie – ergänzt durch flankierende Maßnahmen. Dazu gehört, den Markt zu beobachten, Firmen zu kaufen, Mitarbeiter und IP aus schwächelnden Unternehmen herauszukaufen oder in einzelnen Ländern mithilfe von Servicedienstleistern wie u.a. Capgemini Forschungsstandorte und Personal aufzubauen. Besser steuerbar ist letztlich die Pflege der eigenen Mitarbeiter. „Wir müssen personalisierte Trainingspfade entwickeln und dafür den Hintergrund der Kandidaten miteinbeziehen“, sagt Akademie-Leiterin Fenninger, denn sie weiß: „Es ist es wert, einen neuen Job zu erlernen, wenn man noch 15 oder 20 Jahre Arbeit vor sich hat.“

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