Zulieferer: Neue Vielfalt der Mobilität als Chance

Publish Date: 03/2022

Ein Interview mit Univ.-Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein, Direktor des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen

Shuttles, Robotaxen, E-Autos, Verbrenner, mit Wasserstoff und E-Fuels betriebene Fahrzeuge, Leichtfahrzeuge, Serviceroboter: Das Fahrzeug der Zukunft wird es nicht geben, sondern viele unterschiedliche. Ein Gespräch mit Prof. Lutz Eckstein von der RWTH Aachen über die Chancen für Zulieferer in der Transformation.

 

Herr Eckstein, Sie haben vor zwölf Jahren die Leitung des Instituts für Kraftfahrzeuge an der RWTH Aachen übernommen. Da wurde die Transformation hin zur E-Mobilität und automatisiertem Fahren noch nicht von allen Playern in der Automobilbranche wirklich ernst genommen. Was hat sich in Ihrem Institut seitdem verändert?

Unsere Forschungsthemen haben sich verlagert. Damals war der Fahrwerksbereich am wichtigsten und größten. Heute spielt bei uns das automatisierte und vernetzte Fahren eine dominante Rolle. Obwohl der Fahrwerksbereich nicht mal kleiner geworden ist und weitere spannende Bereiche wie die Verkehrspsychologie hinzugekommen sind. Das zeigt das Potenzial, das aktuell in der Digitalisierung und Automatisierung steckt und in welche Themen aktuell öffentliche Fördergelder vorwiegend gesteckt werden.

Wie sieht ein typisches aktuelles Projekt aus diesem Bereich aus?

Nehmen Sie das Forschungsprojekt UNICARAgil, das schon allein deshalb ein Highlight darstellt, weil wir es in einem interdisziplinären Konsortium aus 16 Lehrstühlen an 8 Universitäten und 8 ausgewählten Unternehmen bearbeiten. Hier geht es im Kern darum, die Architektur für die künftige Mobilität zu entwickeln. Die Idee ist eine Art Legosystem aus Soft- und Hardwarebausteinen, die aufgrund standardisierter Schnittstellen agil ausgetauscht werden können, so dass Funktionen während der Laufzeit aktualisiert und ergänzt werden können. Auf dieser Basis können wir die unterschiedlichsten Fahrzeuge realisieren, die in der Zukunft unterwegs sein werden. Dazu gehören autonome Shuttles und Lieferfahrzeuge genauso wie intelligente Fahrzeuge mit „Schutzengelfunktion“, die etwa ältere Menschen länger individuell mobil halten und damit unsere Sozialsysteme entlasten könnten: Der Fahrer dirigiert das Fahrzeug mit dem Lenkrad, doch wird dieses faktisch durch eine hochautomatisierte Fahrfunktion gesteuert. Dafür haben wir in UNICARagil eine Softwarearchitektur geschaffen, die analog zum Betriebssystem moderner PCs in Form von Diensten mit expliziten Fähigkeiten strukturiert ist. Softwarekomponenten werden dadurch austauschbar und zur Laufzeit integriert wie etwa die Maus am PC, die spontan funktioniert, sobald sie angesteckt wird. Im Projekt forschen wir nutzerzentriert und interdisziplinär, von der Analyse der Bedarfe durch Verkehrspsychologen über die Gestaltung der Intelligenz unter Einbindung von E-Technik und Informatik bis hin zur technischen Umsetzung und Inbetriebnahme der fahrerlosen Fahrzeuge sowie der Leitwarte, aus welcher deren Fahrten begleitet werden, und der Cloud, in welcher gelernt und die Fahrten geplant werden.

Sie sind in der Forschung tätig. Bis derartige Entwicklungen auf dem Markt zu finden sein werden, werden noch einige Jahre vergeben. Wo sehen Sie aktuell besondere Chancen für Zulieferer? Was bedeutet das für die Player im Markt?

Jene Zulieferer werden es am leichtesten haben, die über den berühmten Tellerrand hinaus schauen. Gerade jetzt ist es sehr wichtig, offen und neugierig zu sein, um Chancen zu erkennen, die die Hersteller aktuell auslassen. So haben beispielsweise einige große Zulieferer den Markt der autonomen Shuttles für sich entdeckt. Viele OEMs sehen hier kein attraktives Marktvolumen. Zudem haben diese über Jahrzehnte gelernt Abhängigkeiten wie z.B. von Infrastruktur zu vermeiden. Fahrerlose Fahrzeuge, die mit einer Leitwarte kommunizieren und Daten von sog. Roadside Units nutzen, genießen deshalb nicht die oberste Priorität. Das gibt Zulieferern die Chance, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken, ohne in Konflikt mit den Fahrzeugherstellern als zentrale Kunden zu geraten. Weiterer Vorteil: Quasi nebenbei erwerben sie Kompetenzen, die für eine erfolgreiche Interaktion mit den OEMs wertvoll sind und mithilfe derer sie neue Projekte erschließen.

Dann ist das jetzt eher eine gute Zeit für Zulieferer?

Eine herausfordernde, denn viele Zulieferer müssen sich neu orientieren und die Chancen der zukünftigen Vielfalt auf dem Markt der Mobilität erschließen. Wichtig ist allerdings, sich darüber klar zu werden, welche Rolle man einnehmen möchte und in welcher Konstellation man das erreichen kann. Klar ist, dass es das Automobil der Zukunft nicht geben wird. Stattdessen werden Mobilitätsbausteine vielfältiger werden und Vehikel entstehen, die nebeneinander ihre Berechtigung haben werden. Das können ein autonomer Shuttlebetrieb in der Innenstadt sein, Verkehrswege und Leichtfahrzeuge zum Pendeln vom Land in die Innenstadt, „Auto-elfen“ genannte autonome Luxusfahrzeuge als mobile Wohnzimmer sowie moderne Pkw, sowohl elektrisch als auch  mit nachhaltig erzeugten Kraftstoffen betriebene Fahrzeuge. Die Vielfalt nimmt zu – und der Nutzer wird letztlich wählen und entscheiden, welches Konzept sich durchsetzen wird.

An neuen Geschäftsmodellen in der Mobilität geht kein Weg mehr vorbei. Wie stehen Sie dazu?

Schreiben Sie uns doch einfach! Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen.

Vielen Dank! Wir haben Ihre Anfrage erhalten.

Es tut uns leid, die Formularabgabe ist fehlgeschlagen. Bitte versuchen Sie es erneut.