Autozulieferer der Zukunft: Die KoKoKO-Strategie

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Ein Interview mit Prof. Dr. Stefan Bratzel, Direktor und Gründer des Center of Automotive Management (CAM)

Kompetenzen, Kooperation, Kultur und Organisationsstrukturen: Das sind die Schlüsselbegriffe im Änderungsprozess, an dem Zulieferer wie Hersteller in der Autoindustrie nicht mehr vorbeikommen. Denn mit alten Geschäftsmodellen und „Hardware“ lässt sich künftig nicht allein Geld verdienen, ist Autoexperte Stefan Bratzel überzeugt.

Neue Spielregeln durch Internationalisierung, zunehmender Kostendruck und Technologiewandel: Eigentlich hatte Prof. Stefan Bratzel in einer Studie diese drei Entwicklungen schon vor Jahren benannt, die die Autozuliefererbranche nachhaltig verändern würden. Inzwischen kamen einige verschärfende Faktoren hinzu, etwa die Dieselaffäre, der Handelskrieg zwischen den USA und China, die Stagnation auf dem europäischen Markt, die Bekundung des britischen Premierministers Boris Johnson, ab 2030 Verbrenner zu verbieten und das klare Bekenntnis der Bunderegierung zur Elektromobilität. Und zusätzlich auch noch die Corona-Pandemie mit zeitweise gravierenden Auswirkungen auf Lieferketten. Das Buch „Autozulieferer in Bewegung“, das der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) Bratzel 2015 herausgab, würde in einer neuen Auflage vielleicht eher „Autozulieferer im Steigerungslauf“ heißen, denn der Transformationsdruck nimmt weiter zu.

Vernetzung, E-Mobilität, automatisiertes Fahren und Shared Services werden immer wichtiger

Nach einer aktuellen Studie1, die Disruptionen im Automobilbereich untersucht, steigen Themen wie Testfelder oder Forschung für autonomes Fahren, das Elektroauto-Portfolio stark in der Bedeutung und Themen wie Ladeinfrastruktur und Mobilitätsplanung werden nun erstmals genannt. Immer wichtiger werden im Kontinentalvergleich zwischen Europa, USA und China die Themen Vernetzung, E-Mobilität, automatisiertes Fahren sowie Smart Mobility, wozu etwa Shared Services und Mobilitätsdienste gehören, wobei weltweit über alle Regionen hinweg das Thema Vernetzung ganz oben rangiert, so eine weitere weltweite Studie2Kein Wunder, denn die Anzahl der vernetzten Fahrzeuge wird sich nach der Analyse Connected Vehicle Trend Radar 2 von Capgemini von knapp 120 Millionen im Jahr 2018 in den kommenden drei Jahren fast verdreifachen, auf dann 350 Millionen. Wichtiger Bestandteil der Vernetzung sind digitale Dienste. Sicherheitsbezogene Services etwa werden von Nutzern der Studie nach am meisten geschätzt: So rangieren die Kollisionswarnung und die Diebstahlsicherung vorne. Zu digitalen Diensten mit hohem Potenzial zählen zudem die intelligente Routenplanung, Echtzeitparkinformationen oder die automatische Detektion von Fußgängern. Klar ist: Das Spektrum, in dem sich Autohersteller und -zulieferer künftig bewegen werden, wird sich verändern und erweitern. Nicht nur Automobilspezialisten, sondern auch besonders Softwareunternehmen werden immer häufiger auf dem Markt ihre Leistungen einbringen – im Idealfall in Kooperation mit OEMs oder Zulieferern.

Autoware: Weniger Hard, mehr Soft

Marktkenner Bratzel rät Autozulieferern wie -herstellern zur KoKoKO-Strategie. Künftig wird der Umgang mit Software und Daten zu den gefragten Kompetenzen (Ko) gehören, die Unternehmen fördern müssen. Kooperationen (Ko) etwa auch mit Partnern aus der IT werden immer wichtiger, um digitale Services und Leistungen gemeinsam und in digitalen Ökosystemen anbieten zu können. Es braucht eine neue Kultur (K) des Arbeitens, auf Augenhöhe und nicht länger geprägt durch Top-Down-Direktiven. Das schlägt sich auch auf die Organisationsstrukturen (O) nieder, die schnell und reagibel aufgesetzt sind und an aktuellen Methoden wie „Scrum“ und „agile“ orientiert sind.

Netzwerke zwischen Start-ups, Softwareunternehmen, Herstellern und Zulieferern forcieren

Die Folge: „Die hohen Renditen“, da ist sich Bratzel sicher, „werden im Software- und Digitalbereich erwirtschaftet – und immer weniger mit der Hardware“. So kooperieren BMW mit Nvidia, Daimler und Renault-Nissan mit Waymo sowie Mobileye mit Volkswagen und Valeo in Sachen automatisierten und vernetzten Fahrens miteinander. Doch wie kommt ein Zulieferer dorthin, der möglicherweise in den letzten Jahren nicht nur primär auf Getriebe (und damit Hardware) gesetzt hat, sondern auch eine IT-Infrastruktur einsetzt, die auf Legacy basiert und entsprechend schwerfällig und unflexibel ist. „Es ist ja nicht so, dass ein Zulieferer nun zum ersten Mal den Transformationsdruck spürt“, sagt Bratzel. Viele Unternehmen – ob Zulieferer oder OEMs – haben ihre Strategie bereits angepasst und wie etwa der Dettinger Automobilzulieferer ElringKlinger nun schrittweise auf alternative Antriebe umgesattelt. Viele haben Beratern zugehört und setzen nun auf Technologiebaukästen, so dass sie Grundstrukturen mit kleinen Adaptionen für unterschiedliche Kunden einsetzen können. Sie streuen ihr Risiko wo möglich, indem sie ihre Umsätze nicht nur durch möglichst viele verschiedene Kunden erwirtschaften, sondern auch durch unterschiedliche Geschäftszweige, die etwa auch digitale Geschäftsmodelle auf den Markt bringen. Und sie flexibilisieren ihre Strukturen, um ihre Fixkosten zu senken. Das ist gut und schön, aber nicht genug. Denn die neuen technologischen Ökosysteme der OEMs sind auch für Zulieferer zunehmend der Maßstab.

Datenkompetenz im Auge haben

Die Cloud könnte deshalb in der Strategie von Autozulieferern künftig eine zunehmende Rolle spielen. Denn die Cloud sorgt dafür, die Fixkosten zu senken, indem der Betrieb ausgelagert wird oder nur jene Services eingesetzt werden, die auch wirklich genutzt werden. Innovationen etwa hinsichtlich künstlicher Intelligenz, Internet der Dinge oder Sprachassistenten gehören selten zur Kernkompetenz eines Unternehmens, können jedoch über regelmäßige Releases der Software quasi automatisch eingespielt und genutzt werden. Und durch die eingesetzten Standards ist der Schritt in ein digitales Ökosystem nicht mehr weit. „Die Cloud ist eines der ganz zentralen Zukunftsthemen“, befindet Bratzel deswegen, der allerdings warnt: „Datenkompetenz und damit auch die Nutzung von künstlicher Intelligenz wird künftig immer stärker erwartet, um auf Augenhöhe mit Kunden sprechen zu können.“ Es reicht also nicht, sich die Technik ins Haus zu holen. Für das erste K im KoKoKO-Konzept ist es nötig, auch das Team für die Zukunft fit zu machen – um über kurz oder lang immer mehr Gewicht auf das neue zweite Standbein neben der Hardware zu verlagern.

1Automotive Disruption Radar, Roland Berger
2Digital Auto Report 2020, PWC