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Wasserstoff auf Erfolgskurs, jedoch Aufklärung nötig – so denkt Europa

Capgemini Invent
01. Apr. 2021
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Kernaussagen:

  • Begrenzter Wissensstand gepaart mit optimistischen Erwartungen für Wasserstoff in der Bevölkerung
  • Insgesamt geringe Wahrnehmung von Wasserstoff-Initiativen durch die Bevölkerung
  • Bedenken der Bürger*innen fokussieren sich auf Sicherheit und Kosten
  • Forderung nach Wasserstoff-Technologie in der Verkehrswende (unterstützt durch Politik & Industrie)

In unserem ersten Blogbeitrag haben wir uns mit der Wertschöpfungskette und dem Ökosystem von Wasserstoff beschäftigt sowie die Chancen und Risiken für einen Marktdurchbruch beschrieben. In unserem zweiten Beitrag widmen wir uns der Bevölkerung mit folgenden Leitfragen:

  • Wie ist der Wissensstand der Bevölkerung zum Thema Wasserstoff?
  • Welche Erwartungen und Forderungen haben Sie?
  • Wie stehen die Bürger*innen dem Thema Wasserstoff gegenüber?
  • Welche Akteur*innen sehen die Bürger*innen in der Pflicht?

Hierfür haben wir eine Endkunden-Befragung mit 826 Teilnehmer*innen in sechs europäischen Ländern (DE, FR, NL, DK, SE, NO) durchgeführt. Alle Teilnehmer*innen sind bereits mit dem Thema Wasserstoff bzw. Wasserstofftechnologie in Berührung gekommen. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass die Befragten nur einen geringen bis mittleren „gefühlten Wissensstand“ zu Wasserstoff besitzen. Die Technologie wird über alle Länder hinweg generell als eher positiv betrachtet und die Befragten sehen bedeutendes Potential durch Wasserstoff.

Einen Auszug unserer Ergebnisse mit besonders interessanten und teils unerwarteten Erkenntnissen, haben wir in nachfolgenden sieben Kernaussagen zusammengefasst.

(1) Junge und alte Menschen glauben gleichermaßen an Wasserstoff

Insgesamt schätzen die Befragten den Beitrag von Wasserstoff zur Energiewende bzw. einer nachhaltigen Zukunft als positiv ein (Gesamtbewertung 7 von 10 Punkten). Dabei steigt der Glaube an das Potenzial von Wasserstoff mit dem Alter an. Dies erscheint auf den ersten Blick überraschend, da sich in der jüngeren Vergangenheit vor allem Jugendliche und jüngere Menschen der ‚Generation Y‘ und ‚Generation Z‘ aktiv für Umweltschutz und Nachhaltigkeit (z.B. „Fridays for Future“) eingesetzt haben.

(2) Wasserstoff-Strategie der deutschen Bundesregierung wird kaum wahrgenommen

Obwohl die Wasserstoff-Strategie im Juni 2020 mit großem Optimismus und weitreichenden Auswirkungen verkündet wurde, scheint diese in der breiten Bevölkerung nur wenig angekommen – 65% der Befragten haben sie kaum wahrgenommen. Jede*r Dritte*r der Befragten gab sogar an, er/ sie habe noch nie davon gehört. Ob dies an unzureichender Kommunikation, wenig greifbaren Initiativen oder anderen Gründen liegt, kann nur gemutmaßt werden. Kontrovers ist dies allerdings vor allem vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig mehr als 80% der Befragten in Deutschland die Regierung als wichtigen Akteur für eine erfolgreiche Umsetzung von Wasserstoff erachten.

(3) Größte Bedenken von Wasserstoff sind Sicherheit und Kosten

Auf die Frage nach Kritikpunkten äußerten mehr als die Hälfte der Befragten Bedenken hinsichtlich Sicherheit und hohen Kosten. Die Gründe hierfür könnten Berichte über Unfälle mit Wasserstoff-Autos in der Presse sein sowie die implizite Annahme, dass neue Technologien stehts mit hohen Kosten verbunden sind (u.a. e-Mobilität, erneuerbare Energien). Zwei Drittel der Befragten denken nicht, dass hohe CO2-Emissionen ein Nachteil von Wasserstoff sind. Dahinter mag die Annahme liegen, dass Wasserstoff mit erneuerbaren Energien und nachhaltiger „grüner“ Erzeugung gleichgesetzt wird. Dies ist allerdings lediglich bei sog. „grüner Erzeugung“ der Fall, wie wir in unserem ersten Blogartikel beschrieben haben.

(4) Es gibt kaum Wasserstoff-„Gegner“ unter den Befragten

Insgesamt sind die Befragten vom Potenzial des Wasserstoffs fest überzeugt. Sie bewerten sein Potenzial besonders in den prominenten Anwendungsbereichen wie öffentlicher Verkehr (70 %), private Mobilität (66 %), Wärmeanwendungen in Gebäuden (72 %) und Einsatz in der Industrie (70 %) als hoch. Nur 14 % der Befragten sehen in keinem der genannten Anwendungsbereiche ein nennenswertes Potenzial. Dies legt nahe, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Wasserstoffanwendungen bereits vorhanden ist und keine Hürde in deren Umsetzung darstellen wird.

(5) Befragte verlangen nach mehr lokalen Vorzeigeprojekten

Mehr als 50% der Befragten wünschen sich die Initiierung lokaler Vorzeigeprojekte, wie z.B. H2-Busse im ÖPNV, H2-Heizungen in öffentlichen Gebäuden oder H2-Produktionsanlagen zur lokalen Energieversorgung. Aktuell nehmen nur 13% der Befragten lokale Initiativen deutlich oder sehr deutlich wahr. Die geringe Wahrnehmung ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl lokaler Wasserstoffprojekte noch keine „kritische“ Schwelle erreicht hat. Beispielsweise zählt die Marktaktivierungsinitiative des BMWi (das größte H2-Förderprogramm der Bundesregierung) derzeit lediglich 103 Projekte in Deutschland [1].

(6) Befragte würden lieber ein Wasserstoff-Auto als ein Batteriebetriebenes fahren

Überraschend: 70% der Befragten würden einen Wasserstoff-basierten PKW gegenüber einem Batteriebetriebenen unter gleichen Infrastruktur-Bedingungen vorziehen. Dahinter mag die Annahme liegen, dass Wasserstofffahrzeuge im Vergleich mehr Komfort im Alltag bieten (bspw. Tankvorgang gegenüber Laden). Trotz der positiven Einstellung von H2-Fahrzeugen, haben lediglich 20% der Befragten gute Kenntnisse über bestehende Wasserstoff Fahrzeugmodelle am Markt. Denn selbst in der globalen Automobilindustrie herrscht bekanntlich eine unterschiedliche Meinung über wasserstoffbasierte Fahrzeuge, da asiatische Hersteller wie Toyota oder Hyundai weiterhin mit Hochdruck an Wasserstoffautos forschen und entwickeln, während v.a. europäische Hersteller auf Elektromobilität setzen [2].

(7) Befragte wünschen sich ein Bekenntnis von Industrie und Politik zum Wasserstoffauto

Die Befragten erwarten mehrheitlich von Automobilindustrie und nationalen Regierungen auf Wasserstoff-basierte PKW zu setzen. 65% der Befragten trauen Wasserstoffautos eine weite Verbreitung bis 2030 zu. Auch die deutsche Bundesregierung fokussiert sich bei der Förderung nachhaltiger Mobilität heute auf batteriebetriebene Alternativen. Die Wasserstoffstrategie umfasst zwar den Ausbau einer Wasserstoff-Infrastruktur, allerdings schwerpunktmäßig für schweren Lieferverkehr (wie z.B. LKW) [3]. Für den PKW-Sektor herrscht hier also weiterhin Ausbaupotential.

Vielen Dank an die Co-Autoren Manuel Wiener, Alexander Kahlert und Jakobus Lang.

Wir von Capgemini Invent helfen Unternehmen sich im Thema Wasserstoff zurechtzufinden und strategisch im Wettbewerbsumfeld zu positionieren. Dies umfasst für uns sowohl die Strategiedefinition und Konzeption (z.B. die Ableitung neuer Geschäftsmodelle) als auch die operative Projektumsetzung. Für Fragen rund um das Thema Wasserstoff sowie die detaillierten Ergebnisse unserer Umfrage kontaktieren Sie unseren Experten Kevin Loeffelbein.

[1] NOW GmbH (Deutsche Wasserstoffversammlung), 2021, [2] Business Insider, 2021, [3] BMWi, 2020

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