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Integrierte Planung entlang der Lieferkette

Daniel Evers
13. April 2023
capgemini-invent

Globale Lieferketten stehen unter enormen Druck. Um diese widerstandsfähiger zu machen, stellt die Einbeziehung externer Lieferkapazitäten in die Sales & Operations Planung (S&OP) einen wichtigen Baustein dar. Ziel ist es, mögliche Engpässe sichtbar zu machen und diese proaktiv abzumildern. Mithilfe eines mehrstufigen Ansatzes können Unternehmen den Integrationsgrad ihrer Planung erhöhen.

Globale Handelskriege, Naturkatastrophen und Pandemien sorgten und sorgen weiter für Störungen und Disruptionen in globalen Lieferketten. Effiziente Lieferketten haben sich zu einem wesentlichen Wettbewerbsvorteil für Unternehmen entwickelt und erfahren eine hohe Aufmerksamkeit beim Management. Das Kernziel vieler Unternehmen ist die Etablierung und Steuerung resilienter Lieferketten. Unternehmen versuchen in monatlichen S&OP Meetings mit viel Aufwand potenzielle Probleme frühzeitig zu identifizieren und Lösungen zu finden. Der Fokus liegt dabei aber häufig auf internen Kapazitäten, welche zur Machbarkeitsprüfung von Plänen herangezogen werden.

Wie lässt sich eine resiliente Lieferkette aufbauen?

End-to-End Transparenz ist in diesem Kontext das Schlüsselwort. Eine integrierte, unternehmensübergreifende Planung verspricht in der Theorie hier Abhilfe schaffen zu können. Ein regelmäßiges Teilen der für die Zukunft prognostizierten Nachfrage auf Kundenseite und eine aktive Überprüfung der Machbarkeit auf Lieferantenseite ermöglicht die frühzeitige Identifizierung von Materialengpässen und die zeitnahe Einleitung von Maßnahmen zur Schadensbegrenzung. Die Berücksichtigung der Lieferfähigkeit der Lieferanten entscheidet schlussendlich in vielen Fällen über die Machbarkeit der aufgestellten Planung.

Welche Herausforderungen sehen wir in der Praxis?

Unternehmensübergreifende Kollaboration scheitert oftmals an einer mangelhaften Datengrundlage, einer hohen Nachfragevariabilität, einer fehlenden Kooperationsbereitschaft oder technischen Hürden.

Ohne eine, auf den jeweiligen Lieferanten runtergebrochene, Nachfragevorschau kann keine klare Datenbasis zur Verfügung gestellt werden und die Machbarkeit der Planung nicht bewertet werden. Dieses Problem tritt insbesondere dann auf, wenn eine Multiple Sourcing Strategie gewählt wird und keine klare Allokation im Vorhinein stattfinden kann.

Ein sich stark ändernder Forecast auf Endprodukt-Ebene führt analog zu einem veränderten Forecast auf Material- bzw. Komponenten-Ebene. Insbesondere bei regelmäßig auftretender Nachfragevariabilität verlieren Lieferanten das Vertrauen in den Forecast und ziehen diesen oftmals nicht zur weiteren Planung ran. Klar definierte Regeln zwischen Kunden und Lieferanten sowie beidseitige Mehrwerte können hier Abhilfe schaffen und die Kooperationsbereitschaft erhöhen.

Wie sollen Unternehmen Vorgehen, um eine integrierte Planung bis hin zum Tier-1 Lieferanten zu etablieren?

Wir empfehlen eine klare Fokussierung und schrittweise Erhöhung des Integrationsgrads. Eine vollumfängliche Integration aller Lieferanten ist in aller Regel ein utopisches Ziel. Eine klare Segmentierung des Lieferanten- und Materialportfolios ist aus unserer Sicht der Schlüssel zum Erfolg.

Mithilfe eines 4-Stufen Plans können Sie Ihre relevanten Lieferanten stärker in Ihre Planungsprozesse integrieren.

Schritt 1:

Analysieren Sie Ihr Materialportfolio und identifizieren Sie Materialien mit einem hohen Wertanteil und langen Wiederbeschaffungszeiten sowie Materialien, bei denen die Lagerreichweite unter dem Zielwert ist. Diese Materialien werden folgend als kritische Materialien bezeichnet. Eine Expertenmeinung zur Priorisierung der identifizierten Materialien kann bei einer zu hohen Anzahl an Materialien die Planung verbessern.

Abbildung 1: Identifikation von kritischen Materialien
Abbildung 1: Identifikation von kritischen Materialien

Schritt 2:

Extrahieren Sie regelmäßig die Bedarfsprognose der kommenden 18 bis 36 Monate für die kritischen Materialien und teilen Sie diese Information mit den jeweiligen Lieferanten. Dies erfolgt im Idealfall mithilfe von Kollaborationstools, wie zum Beispiel SAP Ariba oder Ivalua.

Lassen Sie sich basierend auf dem geteilten Material-Forecast die Kapazität des Lieferanten sowie mögliche Kapazitätsflexibilitäten bestätigen.

Schritt 3:

Gleichen Sie im monatlichen Supply Review Meeting die geforderte Lieferantenkapazität mit der bestätigten Kapazität ab. Sollten Abweichungen existieren, können Sie frühzeitig Gegenmaßnahmen einleiten.

Schritt 4:

Erhöhen Sie kontinuierlich die Anzahl der kritischen Materialien, um schrittweise eine steigende Transparenz in der Lieferkette zu gewährleisten. Parallel sollten Sie diesen Prozess sowohl digitalisieren als auch automatisieren, um möglichst effizient und aktuell Transparenz zu erlangen.

Diese vier Schritte bilden die Grundlage, um nach und nach die unternehmensübergreifende Transparenz zu erhöhen und die Lieferkette widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Störungen und Disruptionen zu gestalten. Die nächste Ausbaustufe ist eine Erweiterung auf die Tier-n Lieferkette. Um Lieferketten resilienter zu gestalten und aktuellen Herausforderungen durch lange Lieferzeiten und globalen Abhängigkeiten Rechnung zu tragen, sind Informationen über Vorlieferanten entscheidend. Einen unternehmensübergreifenden Ansatz hierfür bildet die Initiative Catena-X für die Automobilindustrie als gemeinsame Datengrundlage für die Schaffung von n-Tier Transparenz.

Autor

Daniel Evers

Director | Head of Supply Chain Transformation, Capgemini Invent (Germany)
Ich berate weltweit führende Unternehmen mit Fokus auf die Automobilindustrie und den Maschinen- und Anlagenbau bei großen Geschäftstransformationen, um ihre Wertschöpfungsketten effizient, nachhaltig, zukunftsgerichtet und digital befähigt aufzustellen. Dabei liegt mein Schwerpunkt auf den Themen Supply Chain Strategy, Operating Model Design, Supply Chain Planning sowie Supply Chain Performance Improvement.

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