Transformation zur resilienten Lieferkette für Einzelhandel und Konsumgüterhersteller

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Die Pandemie hat gezeigt, dass eine widerstandsfähige Lieferkette im Bereich Einzelhandel und Konsumgüter unerlässlich ist. Wie können Unternehmen für Stabilität sorgen und gleichzeitig den CO2-Fußabdruck der Lieferkette senken?

Teil 1: Wenn die Lieferkette belastbar und nachhaltig ist

Teil 2: Moderne Nachfrage- und Warennachschubsplanung als Erfolgsfaktor auf dem Weg zu einer resilienten Supply Chain

Daniel Rößler, Capgemini

Hinter Technologien wie Künstliche Intelligenz verbirgt sich ein großes Potenzial für die moderne Nachfrage- und Warennachschubsplanung. Ziel sollte es dabei sein, den menschlichen Planer im Sinne einer Symbiose zu unterstützen.

 

Wie im ersten Teil unserer Blogserie zum Thema „Supply Chain im Bereich Einzelhandel und Konsumgüter“ beschrieben hat die Covid-Pandemie eine erhebliche Herausforderung für Supply Chain Planungsprozesse dargestellt. So wurden Angebotsschocks sowohl durch Störungen im Liefer- und Transportnetzwerk als auch in den Produktionskapazitäten, dem Produktionsvolumen und Umsatz sowie in der Verfügbarkeit der Arbeitskräfte ausgelöst. Diese stellten die Supply Chain Planung – und insbesondere die zentrale Fähigkeit Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen – vieler Unternehmen ebenso vor große Schwierigkeiten, wie auch eine hohe unvorhergesehene Nachfragevariabilität und -volatilität. Außerdem musste auf Nachfrageimplikationen durch neue soziale Normen und Wirtschaftstrends und die Verlagerung der Distributionskanäle reagiert werden.

Wie können Einflussfaktoren, wie Covid Regelungen und deren Implikationen, in der Supply Chain Planung besser berücksichtigt werden?

Die Antwort darauf scheint nahe zu liegen und bei Weitem keine durch Covid ausgelöste Innovation zu sein:

  • eine höhere Transparenz der Supply Chain durch tiefergehende Nutzung und Analyse der vorhandenen Daten in Kollaboration mit allen Stakeholdern über die Grenze des eigenen Unternehmens hinweg
  • und eine höhere Planungsfrequenz unter Berücksichtigung aktueller Faktoren basierend auf verbesserter Nachfrageprognose gestützt durch fortgeschrittene Technologien, wie etwa KI, die eine präskriptive Analyse und autonome Entscheidungen möglich machen.

Obwohl die zuvor beschriebenen Lösungsansätze bereits seit einigen Jahren im Gespräch sind, zeigen die Covid Auswirkungen und die darauf basierenden Umfrageergebnisse der Capgemini Studie  The wake-up call: Building supply chain resilience in consumer products and retail for a post-COVID world, dass in diesen Punkten weiterhin sehr viel Gesprächsbedarf und Verbesserungspotential steckt. Während über 80 Prozent der befragten Unternehmen negative Covid Auswirkungen bestätigten, wurden die größten Herausforderungen branchenübergreifend in Materialknappheit, Lieferverzögerungen bzw. verlängerten Fristen, Planung bei hoher Nachfragevolatilität und in der Anpassung der Produktionskapazität an die Nachfrage gesehen. Nicht nur die Capgemini Studie selbst sieht als Antwort auf diese Probleme und Herausforderungen die Erhöhung der Resilienz der Supply Chain, sondern auch die befragten Unternehmen. So sehen nicht nur 66 Prozent der Umfrageteilnehmer (60 Prozent der deutschen Teilnehmer) eine signifikante Veränderung ihrer Supply Chain Strategie als notwendig an, sondern für 62 Prozent hat die Widerstandsfähigkeit ihrer Supply Chain eine sehr hohe Priorität und 57 Prozent sind darüber hinaus dazu bereit, ihre Investitionen zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit zu steigern.

Kann das zentrale Ziel vieler Unternehmen einer resilienteren Supply Chain als Katalysator für eine modernere Supply Chain Planung dienen?

Die Capgemini Supply Chain Studie zeigt 4 zentrale Eigenschaften einer widerstandsfähigen und robusten Supply Chain auf:

  • Transparenz über das gesamte Liefernetzwerk
  • Agilität
  • Diversifikation hinsichtlich Produktion, Lieferanten und Distribution
  • und die Eventualfallplanung als Fähigkeit zur Antizipation und Reaktion auf Störungen

Besonders die Supply Chain Transparenz und Eventualfallplanung hängen direkt mit der eingangs erwähnten Supply Chain Planung und ihrer zentralen Fähigkeit, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen, zusammen. Zwar zeigen bereits 58 Prozent der befragten Unternehmen eine Stärke in der Eventualfallplanung, jedoch nur 9 Prozent in der Supply Chain Transparenz und nur 4 Prozent über alle Felder einer widerstandsfähigen Supply Chain hinweg. Darüber hinaus planen mindestens 60 Prozent der Teilnehmer den Datenaustausch innerhalb ihres Supply Chain Netzwerks zu erhöhen. Viele Unternehmen sehen in den Covid Auswirkungen den Anlass ihre Investitionen in Technologien, die ihre Supply Chain autonomer und intelligenter unterstützen, zu erhöhen und damit die Digitalisierung der Supply Chain – gemeinhin ein mehrjähriges und viele Technologien übergreifendes Programm – voranzutreiben oder initial zu starten. So haben 47 Prozent bzw. 39 Prozent der befragten Unternehmen die Absicht die Investitionen in Automatisierung bzw. Robotik zu erhöhen. Weiterhin gingen mit der KI und dem Internet der Dinge weitere Fokusgebiete mit hoher Priorität für viele Unternehmen aus der Umfrage hervor.

Die Covid Pandemie hat die Wichtigkeit der Supply Chain Planung rund um Nachfrage- und Angebotseinklang offengelegt. So sind Supply Chain Transparenz und Kollaboration, tiefgehende Datennutzung und -analyse und Eventualfallplanung gestützt durch fortgeschrittene Technologien aufgehängt in einem Control Tower längst nicht nur vergangene Diskussion und Innovation, oder etwa gegenwärtige Ausführung, sondern vor allem zukunftsfähige Lösungen mit hohem Potential.

Wodurch zeichnet sich moderne Angebots- und Warennachschubsplanung aus und worin liegt das Lösungspotential vor dem Hintergrund der Covid Pandemie?

Im Mittelpunkt der Nachfrageplanung steht das Ziel, eine genaue Nachfrageprognose zu erhalten. Eine moderne Planung verwendet dafür sowohl statistische Analyse als auch Markinformationen. Durch mathematische Berechnung mit Hilfe statischer Algorithmen – gestützt durch KI und Maschinelles Lernen – können Erkenntnisse über die zukünftige Nachfrage aus historischen Daten gewonnen werden. Es gibt allerdings auch Marktinformationen und Ereignisse die statistische Modelle selbst nicht autonom formulieren und einbeziehen können. Der Nachfrageplaner kann daher Ereignisinformationen, wie beispielsweise Promotionsaktivitäten, neue Produkte, Konkurrenzaktivitäten, Wetterbedingungen, aktuelle ökonomische Faktoren oder Informationen über das Konsumentenverhalten, in den Planungsprozess einbringen. Die letzten beiden Beispiele sind vor dem Hintergrund der Covid Pandemie besonders greifbar, z.B. in Form von neuen gesetzlichen Regelungen, sozialen Normen oder ökonomischen Trends. Über die Eingabe von Ereignis- und Marktinformationen hinaus wird der Planer vom System auf Ausnahmen, besondere Fälle und Probleme aufmerksam gemacht und kann in diesen Fällen in den Planungsprozess eingreifen.

Weiterhin können verschiedene Algorithmen und Modelle verwendet, Parameter und Dateneingaben angepasst und verschiedene potentielle Ergebnisse modelliert werden. Dadurch lässt sich eine Szenarioplanung und laufende Leistungskontrolle und Optimierung der verwendeten Nachfragemodelle umsetzen. Die statistische Analyse gestützt durch KI und Maschinelles Lernen ermöglicht unter anderem eine autonome Nachfrageklassifikation und Algorithmsempfehlung, Prognosen über verschiedene Hierarchien und Aggregationsebenen hinweg und die Normalisierung und Bereinigung der historischen Daten. Gerade letzter Punkt kann in Zeiten der Corona Pandemie gemeinsam mit der manuellen Eingabe von Ereignisinformationen einen wichtigen Erfolgsfaktor darstellen.

Der moderne Ansatz der rhythmischen Warennachschubsplanung berücksichtigt basierend auf  aktuellen Nachfrage-, Liefer- und Lagerinfomationen vielfältige Supply Chain Faktoren und Restriktionen und ermöglicht eine flexible Modellierung und zyklische, laufende Planung über mehrere Stufen einer Supply Chain hinweg. Unter anderem können aktuelle Lieferzeiten zwischen Standorten in Abhängigkeit von eingepflegten Kalendern, Lagerbestände in Distributionszentren und Lagern, Produktionspläne und Transitware sowie tatsächliche Kundenbestellungen und Nachfrageprognosen miteinbezogen werden. Weiterhin können verschiedene Nachschub- und Bestandsstrategien konfiguriert und eingesetzt werden. Hierbei können Faktoren, wie die Menge oder Quelle der Güter – eigene Produktion, Einkauf oder Lieferung von einem anderen Lagerstandort – beachtet werden. Auch verschiedene Priorisierungsstrategien zum Umgang mit begrenztem Vorrat, z.B. hinsichtlich der Nachfrageart oder des Standorts, lassen sich abbilden und umsetzen.

Die Planung erfolgt dabei autonom gestützt durch KI und Maschinelles Lernen in zwei Schritten. Unabhängig von Vorrats- und Bestandstrestriktionen werden im ersten Schritt zeitlich weitreichende Nachschubsempfehlungen als „Wunschliste“, die die bekannte zukünftige Nachfrage vollständig erfüllen könnte, vom System unter Berücksichtigung der zuvor genannten und weiteren Faktoren bestimmt. Unter Einhaltung der vom Planer eingestellten Strategien, wie etwa der Nachschubs- und Priorisierungsstrategie, wird dann im zweiten Schritt eine umsetzbare Warennachschubsplanempfehlung unter Beachtung der aktuellen Bestände in Form von empfohlenen Lieferungen erzeugt. Analog zur modernen Nachfrageplanung hat der Planer unter anderem die Möglichkeit zur Szenarioplanung, zur Anpassung von Eingabeparametern- und daten und zum Eingriff in vom System ausgewiesenen besonderen Fällen und Problemen.

Symbiose zwischen autonomer Planung und menschlichem Input als wichtiger Erfolgsfaktor für eine resiliente Supply Chain

Die modernen Ansätze der Nachfrage- und Warennachschubsplanung tragen durch eine höhere Transparenz der Supply Chain und durch die Fähigkeit der Eventualfallplanung wesentlich zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Supply Chain bei und unterstützen durch Einbeziehung vielfältiger aktueller Faktoren eine tagesaktuelle und flexible Supply Chain Planung. Daher bieten diese Ansätze besonders – aber nicht nur – in den aktuellen Covid Pandemiezeiten ein hohes Potential, um sowohl die Supply Chain Planung zu verbessern als auch einen wesentlichen Beitrag  auf dem Weg zur resilienten Supply Chain zu leisten. Wichtig ist dabei, dass nicht etwa eine Entweder-Oder-Beziehung zwischen Autonomer Planung durch KI und manueller Eingriffe durch menschliche Planer besteht, sondern vielmehr eine UND-Beziehung als wichtiger Erfolgsfaktor zu empfehlen ist. Wenn die beiderseitigen Stärken im Rahmen der modernen Supply Chain Planung genutzt werden, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur resilienten Supply Chain getan.

 


Teil 1: Wenn die Lieferkette belastbar und nachhaltig ist

Ruth Zimmermann, Capgemini
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Die Supply Chain ist für Konsumgüterhersteller und Einzelhändler (CPR-Unternehmen) nicht erst seit der Corona Pandemie ein wichtiges Thema. Schon davor beschäftigten sich die Unternehmen mit den Auswirkungen von Naturkatastrophen und geopolitischen Irritationen, wie Handelskriegen, auf ihre Lieferkette. Doch erst die Corona Pandemie wirkte für viele Firmen als Weckruf. Statt sich nur theoretisch mit den Gefahren von Störfaktoren in ihren Lieferantennetzwerken auseinander zu setzen, geht es um aktive Maßnahmen, mit denen die Lieferkette resilienter gestaltet werden kann. In Kombination mit einem weiteren Mega-Thema der heutigen Zeit – Nachhaltigkeit – entsteht so eine Supply Chain mit Zukunft.

Der Weg zur resilienten Lieferkette

Um künftige Unwägbarkeiten in einer volatilen Umwelt zu meistern, zeigt die Studie „The wake-up call: Building supply chain resilience in consumer products and retail for a post-COVID world“ von Capgemini mögliche Maßnahmen auf:

  • Neuausrichtung der Supply-Chain-Strategie. Hierbei können eine gesteigerte Transparenz, erhöhte Agilität, breitere Diversifizierung der Lieferantenbasis wie auch Beschaffungswege sowie eine proaktive Krisenplanung unterstützen.
  • Automatisierungen über die gesamte Lieferkette hinweg helfen bei der Skalierung von Produktionsmengen. Dies unterstützt Unternehmen flexibler auf Nachfrageschwankungen zu reagieren.
  • Optimierung der letzten Meile, um Lieferunterbrechungen zu vermeiden. Dabei können ein verbessertes Filialnetz, flexible Personalplanung und kollaborative Modelle helfen.

Eine resiliente Lieferkette ist für CPR-Unternehmen unerlässlich. Ihr ureigenstes Interesse besteht in der Produktion und dem Verkauf von Waren. Können sie die Nachfrage nicht befriedigen, stellt dies ihre unternehmerischen Ziele und Visionen in Frage.

Gleichzeitig können einige der Maßnahmen nicht nur die Resilienz der Lieferkette erhöhen, sondern die Unternehmen auch bei Bestrebungen in Puncto (ökologische) Nachhaltigkeit unterstützen. Nachhaltigkeit ist einer der Mega-Trends, der sich über alle Branchen hinweg zieht, und die Ausgestaltung unseres Wirtschaftens vielfältig verändert oder verändern wird.

Megatrend Nachhaltigkeit

Zunächst stellt sich aber die Frage wie Nachhaltigkeit im Rahmen dieses Artikels verstanden wird. Basierend auf dem sogenannten „Drei-Säulen-Modell“ gibt es drei Dimensionen von Nachhaltigkeit: ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit. Alle drei Säulen sind gleichberechtigt, stehen aber in Korrelation zueinander. In diesem Blogpost liegt der Schwerpunkt auf der ökologischen Ausprägung, welche dem Prinzip der Ressourcenerholung und Ressourceneffizienz folgt. Das bedeutet, dass nachhaltiges Handeln zum Ziel hat den Ressourcenverbrauch bestmöglich zu senken, eine Regeneration von Ressourcen angestrebt wird und verwendete Rohstoffe möglichst wirkungsvoll eingesetzt werden.

Dieses Bewusstsein und der Versuch im Alltag vermehrt auf Nachhaltigkeit zu achten zeigt sich daran, dass immer mehr Kunden innerhalb des letzten Jahres ihre Kaufentscheidungen auf der Grundlage von sozialer Verantwortung, Inklusion und Umweltauswirkungen getroffen haben. Die oben erwähnte Studie zeigt, dass 68 Prozent der Verbraucher während der Pandemie verstärkt lokal hergestellte Produkte kaufen wollten.

Dieser wachsende Nachhaltigkeitsgedanke auf der Nachfrageseite wirkt als Treiber für vermehrt ökologisches Handeln auf der Angebotsseite. Das Management sowohl bei den Konsumgüterproduzenten wie auch bei den Händlern hat längst erkannt, dass ökologisch-nachhaltige Ziele nicht mehr von wirtschaftlichen Zielen zu trennen sind – auch wenn sie sich teils diametral gegenüberstehen. Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit Corporate Social Responsibility gehört zunehmend zu ihrem Markenkern und sollte bewusst gelebt werden. So kann Sustainability auch zum Treiber von Innovation werden.

Transparenz als Schlüssel für Nachhaltigkeit

Die Auswertung von großen Datenmengen (Big Data) und der Einsatz entsprechender Steuerungselemente („Control Towers“) ermöglichen es, die Transparenz über die gesamte Lieferkette zu erhöhen. Technologien, wie Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence – AI) und Maschine Learning (ML) helfen bei der Verschiebung von der Bedarfsplanung mit langen Vorlaufzeiten hin zu detaillierten Nachfragedaten in Echtzeit (Demand Sensing). So können schwer verkaufbare Überproduktionen vermieden werden. Transparenz kann also Ressourcen schonen wie auch überflüssige Transportwege mit den verbundenen Emissionen vermeiden.

Wichtig ist hier zu verstehen, dass sowohl in Hinsicht auf die Widerstandsfähigkeit als auch auf den Nachhaltigkeitsaspekt, diese Transparenz nicht nur auf das eigene Unternehmen beschränkt sein darf. Hersteller und Händler müssen auch die nachgelagerten Stufen im Blick haben. Das heißt nicht nur ihre direkten Lieferanten, sondern auch die 2nd und 3rd Tier Supplier. Die Verhandlungsmacht namhafter Konsumgüterhersteller und Einzelhändler hat in diesem Zusammenhang große Bedeutung und wirkt sich auf die Nachhaltigkeit der gesamten Lieferkette von der Rohstoffgewinnung, über die Verarbeitung bis zum Transport zum Kunden aus. Sobald das deutsche Lieferkettengesetz demnächst verabschiedet wird, besteht hierzu auch ab 2023 eine gesetzliche Anforderungen an Unternehmen mit mehr als 3000 Beschäftigten.

Regionalisierung ist nicht das Allheilmittel

Ein Trend, der auch schon länger zu beobachten ist, ist die anteilige Regionalisierung bzw. Lokalisierung von Produktionsstandorten. Dies hat verschiedene Ursachen, wie beispielsweise den Anstieg von Lohnkosten in ehemals als Niedriglohnländern bezeichneten Ländern. Aber auch steigende Energiepreise und höhere Transportkosten und Zölle lassen so manchen Standortvorteil dahin schmelzen. Durch die globale Pandemie zeigte sich auch, dass Abhängigkeiten in strategischen Bereichen, wie der Medikamentenherstellung oder bei medizinischen Produkten, und das Vertrauen in alleinige globale Lieferkette nicht optimal ist. Im CPR-Bereich erinnern wir uns vor allem an die Knappheit von Hefe und Hygiene-Artikeln oder Laptops, die durch die erhöhte Nachfrage besonders zu Anfang der Pandemie spürbar war.

Nicht zuletzt steuert der Endverbraucher durch seine Nachfrage auch welche Produkte er bekommt. Je mehr Menschen auf Regionalität achten, desto mehr werden sich die Händler und Produzenten anpassen.

Heißt dies nun per se, dass Lokalisierung sinnvoll ist, um nachhaltige stabile Lieferketten zu schaffen? Diese Frage ist leider nicht so einfach zu beantworten, wie es sich manch einer wünscht. Je regionaler die Lieferkette, desto resilienter ist sie zumindest dann, wenn die Disruptionen sich außerhalb befindet. Doch ob sie globale Krisen wie eine Pandemie ohne Irritation übersteht ist schwer zu beurteilen. Noch schwieriger wird eine Prognose bezüglich ökologischer Nachhaltigkeit. Es kommt hier stark auf das eigentliche Produkt und seinen gesamten CO²-Fußabdruck an. Auf der einen Seite werden durch verkürzte Lieferwege natürlich Emissionen eingespart. Andererseits gibt es genügend Beispiele, die zeigen, dass eine reine Fokussierung auf Transportwege zu kurzgreifend ist. So können beispielweise regional geerntete Früchte durch die Einlagerung in Kühlhäuser unterm Strich eine schlechtere Ökobilanz aufweisen als importierte Ware aus Übersee. Pauschal lässt sich also keine Einschätzung treffen.

Die letzte Meile – der unterschätzte Aspekt in der Nachhaltigkeit

Der Online-Einkauf hat in den vergangenen Monaten einen Boom erlebt. Die Nachfrage hat sich ins Internet verschoben und einen hohen Bedarf nach sicherer und bequemer Lieferung nach Hause erzeugt.

Konnten sich die Anbieter des stationären Handels früher noch darauf zurückziehen, dass ihre Verantwortung quasi an der Ladentheke endete, verlängert sich diese Verantwortung auch auf die Erfüllung der Lieferung bis zur Haustür. Diese letzte Meile ist für einen Großteil des gesamten CO2-Fußabdrucks eines Produktes verantwortlich. Damit CPR-Unternehmen die von Kunden geforderte ökologische Nachhaltigkeit bestmöglich bedienen können, sind sie auf Logistikpartner angewiesen, deren Ziel ein möglichst ökologischer Transport ist.  Hierbei kommen aktuell vor allem Elektro-Sprinter, aber auch Lastenräder zum Einsatz. Da die „grüne Lieferung“ ein wichtiges Werbemerkmal ist, sind Logistikdienstleister mit einementsprechendem Portfolio im Vorteil.

Doch neben dem reinen Transport sollte ein weiterer Aspekt nicht aus den Augen gelassen werden: die Tonnen an Verpackungsmaterial, die der Versand von Waren mit sich bringt. Viel zu große Transportverpackungen gefüllt mit Unmengen an Füllmaterial. Bedruckte Kartons, die sich kaum recyceln lassen. Hier ist noch deutlich Platz für echte Innovationen, die dabei helfen, dass Ressourcen geschont werden.

Resiliente Lieferketten = nachhaltige Lieferketten

Durch die Corona-Pandemie wurde die Bedeutung des Supply Chain Managements und resilienter Lieferketten einer breiten Öffentlichkeit bewusst. Die Entwicklungen im vergangenen Jahr haben Unternehmen aufgeweckt und die Notwendigkeit für Innovationen und Transformationen aufgezeigt. Der Weckruf hat dabei das Potenzial, nicht nur zu belastbaren Lieferketten zu führen, sondern auch das Thema (ökologische) Nachhaltigkeit einen Schritt nach vorn zu bringen. Denn wie wir gesehen haben, sind viele der Maßnahmen eng mit diesen beiden Zielen verwoben.

Transparenz ist im Gesamtkontext sicher die wichtigste Grundlage, um informiert in Entscheidungsprozesse zu gehen. Die Technologien dafür sind da. Sie helfen die komplexe Umwelt besser abzubilden und Disruptionen in Lieferketten zu simulieren. Die Supply Chain der Zukunft ist heute schon möglich.

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