Corona-Pandemie verstärkt den Trend zu individueller Mobilität – Worauf OEMs jetzt achten müssen

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Viele Menschen bevorzugen jetzt individuelle Verkehrsmittel und junge Menschen denken wieder über den Kauf eines Autos nach. Hygiene und kontaktloser Service werden wichtiger – so unsere neue globale Studie. Autor Sebastian Tschödrich erklärt, wie Automobilhersteller am besten damit umgehen.

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Sebastian Tschödrich, Capgemini Invent

Im Zuge der Corona-Pandemie verliert der öffentliche Nahverkehr und Sharing-Dienste bei den Menschen weltweit an Zustimmung. Fast die Hälfte (44 Prozent) der Befragten möchte ihr Auto häufiger und öffentliche Verkehrsmittel und Shared Mobility-Dienste weniger häufig nutzen. Junge Erwachsene, die noch kein Fahrzeug besitzen, denken öfter als früher über den Kauf nach – eine wichtige Umkehrung ihrer historischen Präferenz. In China schlägt sich dieser Trend bereits in Zahlen nieder: VW verzeichnete im April ein Absatzplus von 1,7 Prozentpunkten im Vergleich zum April 2019. Es ist zu einem Großteil auf Erstkäufer zurückzuführen.

 

OEMs müssen sich schnell an neue Anforderungen anpassen

Die neue Zielgruppe hat allerdings nur ein begrenztes Budget und dementsprechend großes Interesse an flexiblen Finanzierungsmodellen. Darüber hinaus will sie, wie ältere Käufergruppen auch, den Besuch von Händlern auf ein Minimum reduzieren und anstatt dessen lieber online kaufen. Solche Ergebnisse sind für die Automobilbranche Fluch und Segen zu gleich. Sie sind ein Segen, weil dem erwarteten Absatzeinbruch jetzt das Bedürfnis nach individueller Mobilität entgegensteht. Der Fluch ist, dass sich die Branche schnell an die neuen Anforderungen der Verbraucher anpassen muss, obwohl sie bereits genug mit der Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie zu tun hat.

Wie sollten sich Automobilunternehmen nun aufstellen? Die wichtigsten Maßnahmen, um in der Krise Wettbewerbsvorteile zu gewinnen, sind laut der Studie folgende:

1) Gezielte Entwicklung von Angeboten für Käufer unter 35 Jahren

Jüngere Verbraucher legen viel Wert auf Infotainment, neue Technologien und Personalisierung. Sie kaufen eher kleinere und günstigere Fahrzeuge für die Stadt und lassen sie sich besser mit Social-Media- als mit klassischen Werbekampagnen erreichen.

2) Finanzierung überdenken

  •  Das Spektrum der Finanzierungsmodelle erweitern
    Neben dem klassischen Ratenkauf und Leasing sollten Unternehmen auch über Abo-Modelle, flexiblere Fristen beim Leasing sowie Pay-to-use-Abrechnungsverfahren nachdenken.
  • Sicherheit in unsicheren Zeiten bieten
    Manche Automobilhersteller haben während der Finanzkrise Instrumente entwickelt, die Verbrauchern Schutz gegen Zahlungsausfall bei Job-Verlust bieten. Sie könnten jetzt wieder zum Einsatz kommen. Andere OEMs ermöglichen Fahrzeuge aus dem Vorjahr zu erwerben und mehrere Monatsraten einzusparen. Wieder andere haben die Ratenzahlungen während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen aufgeschoben, da das Fahrzeug nicht genutzt werden konnte. Das sind nur einige Beispiele, es gibt bestimmt noch weitere.

3) Hygieneaspekte mitdenken

  •  Ausstattung am gestiegenen Bedarf nach Infektionsschutz ausrichten
    Verbraucher sind offenbar bereit, für ein geringeres Ansteckungsrisiko Geld auszugeben. Sprachsteuerungssysteme, Luftfilter, HEPA-Filter, Luftqualitätsindikatoren oder UV-Licht für die Desinfektion des Innenraums sind Beispiele für mögliche Zusatzausstattungen.
  •  Hygiene-Vorkehrungen kommunizieren, die beim Händler getroffen werden
    Um Verbrauchern Sicherheit zu bieten, sollten Hygiene-Konzepte für Raumluft und Oberflächen im Autohaus und in Testfahrzeugen erarbeitet und der Umgang mit infizierten Mitarbeitern kommuniziert werden.
  •  Kontaktlose Services ermöglichen
    Hol- und Bringdienste für Test- und Kundenfahrzeuge für Inspektionen und Reparaturen sind derzeit sehr beliebt, selbst die Auslieferung von gekauften Fahrzeugen kann kontaktlos erfolgen.

4) Digitale Marketingkanäle und Verkaufsplattformen ausbauen

Da mehr Verbraucher als zuvor bereit sind, ihr Fahrzeug exklusiv online zu kaufen und den Besuch beim Händler scheuen, müssen Fahrzeuge digital erlebbar gemacht werden. Virtuelle Ausstellungsräume mit VR- und AR-Technologie und Verkäufer, die online in Echtzeit beraten, bieten neue Möglichkeiten. Die Digitalisierung sollte auch den Bestell- und Bezahlvorgang einschließen.

5) Produktion anpassen

Derzeit sind nicht alle Teile verfügbar und Lieferketten laufen gerade erst wieder an. Es ist daher eine genaue Analyse notwendig, welche Modelle gebaut werden können und ob eventuell die Variantenvielfalt beschränkt werden muss.

Mit der Umsetzung dieser Maßnahmen steigen die Chancen, gut durch die kommenden Monate zu kommen. Gleichzeitig können Hersteller langfristig den Service verbessern und Kosten durch den höheren Digitalisierungsgrad einsparen. Wenn Sie Fragen dazu oder zur Studie haben, sprechen Sie mich gerne an. Wir arbeiten derzeit mit verschiedenen Kunden daran, ihre Prozesse schnell an diese neuen Erkenntnisse anzupassen.

consumer mobility preferences in times of Corona

Wenn Sie Fragen dazu oder zur Studie haben, sprechen Sie mich gerne an. Wir arbeiten derzeit mit verschiedenen Kunden daran, ihre Prozesse schnell an diese neuen Erkenntnisse anzupassen.

Mehr zum Thema finden Sie in unserer aktuellen Studie „COVID-19 and the Automotive Consumer“ des Capgemini Research Intitut sowie unseren globalen Aktivitäten zum Thema Automotive Recovery

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