KI für Sicherheitsbehörden – Potenzial und Ambitionen

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Wir leben in einer digitalen Gesellschaft: Künstliche Intelligenz liefert Erkenntnisse aus Daten in Echtzeit. Damit ergeben sich bei der Digitalisierung der Sicherheitsbehörden im Sinne des Projekts Polizei2020 neue Möglichkeiten.

Pierre-Adrien Hanania, Capgemini

Läuft man durch die Straßen, betritt Gebäude oder zückt das Handy – es werden Daten ausgetauscht, konsumiert und produziert. Künstliche Intelligenz (KI) als universelles Set an Datenerkenntniswerkzeugen bietet daher weitreichende Potenziale um Einblicke und Erkenntnisse zu sammeln – oft bereits in Echtzeit und mit steigender Effizienz. Diese großen Chancen gilt es zu nutzen, wobei auch mögliche Risiken diskutiert werden müssen.

Eine digitale Welt mit disruptivem Potenzial

Auch für staatliche Sicherheitskräfte eröffnet ein effektiver und verantwortungsbewusster KI-Einsatz neue Möglichkeiten und könnte dafür sorgen, dass der Informationsaustausch beschleunigt, tiefere Einblicke ermöglicht und Entscheidungen optimiert werden. Im Rahmen des IT-Programms „Polizei 2020“ sollen polizeiliche Informationen besser verfügbar, die Wirtschaftlichkeit gesteigert und der Datenschutz mittels Technik gestärkt werden. Die hier zu behandelnde Frage lautet: Welchen Beitrag kann KI dazu leisten?

Herausforderung 1: Die Digitalisierung von Kriminalität

Die Polizei sieht sich im Angesicht der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. So macht die Digitalisierung auch vor der Kriminalität nicht Halt. Während sich Personen mit kriminellen Absichten neue technische Möglichkeiten meist ohne Einschränkungen und recht schnell zur Verfolgung ihrer Zwecke nutzen können, agiert die Polizei stets in einem eng gesteckten und klar definierten rechtlichen Kompetenzrahmen. Kriminalität und Strafverfolgung begegnen sich im Kontext der aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht auf technischer Augenhöhe, was das Risiko birgt, dass Straftäter der Polizei vielfach einen Schritt voraus sind. Der Gesetzgeber steht hier vor der Herausforderung, einerseits die Polizei mit den notwendigen Kompetenzen auszustatten, um Kriminalität im digitalen Zeitalter bekämpfen und Prävention betreiben zu können, andererseits aber auch die Grundrechte auf Privatsphäre und Datenschutz zu wahren und zu schützen. Das Austarieren dieser beiden Ziele ist von entscheidender Bedeutung für die Wahrung von Rechtsstaatlichkeit und die Akzeptanz der staatlichen Gewalt durch die Bürger.

Herausforderung 2: Die Entgrenzung von Kriminalität

Die Digitalisierung der Kriminalität geht nun jedoch mit einer Entgrenzung krimineller Aktivitäten einher. Terrorismus ist ein Beispiel für grenzüberschreitende Kriminalität, die mittels analoger Ermittlungsmethoden nicht oder nur sehr eingeschränkt bekämpft werden kann. Neben einem mangelnden Einsatz technologiebasierter Kontroll- und Ermittlungsinstrumente trägt auch die fehlende Kommunikation zwischen den Sicherheitsbehörden verschiedener Länder dazu bei, dass die Verhinderung und Aufdeckung grenzüberschreitender Kriminalität erschwert wird. Kurz: Globale Probleme machen nicht an Staatsgrenzen Halt und können nicht im strikt nationalen Kontext bewältigt werden.

Herausforderung 3: Echtzeitgefahren verlangen nach Echtzeitlösungen

Eine weitere Herausforderung, mit der die Sicherheitsbehörden konfrontiert sind, ist die Schnelllebigkeit der Kriminalität und die sich daraus ergebenden Echtzeit-Risiken. So ist die Arbeitsweise der Strafverfolgungsbehörden derzeit noch stark darauf ausgelegt zu reagieren, statt präventiv zu agieren. Beispielsweise wird die Polizei im Falle einer Gewaltstraftat, etwa die Beteiligung an einer Schlägerei, sexueller Nötigung oder Mord häufig erst nach Vollendung der Tat alarmiert. Entsprechend kann nicht mehr die Gefahr bekämpft und die eigentliche Tat verhindert werden. Vielmehr wird im Nachgang der Schaden festgestellt und versucht, die Schuldigen dingfest zu machen. Prävention basiert auf der Identifizierung wiederkehrender Verhaltensmuster und der Erstellung entsprechender Prognosen. Neben mangelnden zeitlichen und personellen Ressourcen erschweren auch die Individualisierung und zunehmende Mobilität der Gesellschaft das Erkennen von Mustern und damit die Prävention von Kriminalität. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz kann Prognosen krimineller Aktivitäten unterstützen und dadurch die Effizienz der Polizeiarbeit in der Abwehr von Risiken steigern.

Für diese Schmerzstelle bildet KI durchaus eine Technologie, die mit ihrem disruptivem Potential eine Sicherheitsbehörde erweitern. Dabei sind vier Kerneigenschaften von KI hervorzuheben:

Welche Möglichkeiten bietet KI der öffentlichen Sicherheit?

1. KI identifiziert

Künstliche Intelligenz ermöglicht das Identifizieren von Informationen basierend auf verschiedenen Formen vorhandener Daten – seien es visuelle, sprachliche oder quantitative Daten. Auf diese Weise ist KI in der Lage, von Bildern und Videos über Tonspuren bis hin zu Zahlenreihen vielfältige Informationsquellen auszuwerten. Technologisch können hierfür sowohl Computer Vision und Natural Language Processing als auch Advanced Analytics zum Einsatz kommen. Dabei ist das, was identifiziert wird, durchaus mehrdimensional: Identifiziert werden können spezifische Objekte, Merkmale oder auch Muster.

Die von KI ermöglichte Identifizierung ist insofern für Sicherheitsbehörden relevant, als das sie in Echtzeit Gefahrensituationen erkennbar werden lässt und eine schnelle und effektive Reaktionshandlung möglich macht. Ein anschaulicher Anwendungsfall ist das Erkennen von Gefahren im öffentlichen Raum: Anhand von Mustererkennung lässt sich so zum Beispiel ein Messer in der Hand eines Täters identifizieren, der gerade einen Supermarkt betritt. Auch die Identifizierung von Kriminellen im Rahmen von polizeilichen Gegenüberstellungen – ermöglicht durch den Abgleich mit verfügbaren Datenbanken durch KI – ist ein wichtiger Anwendungsfall.

2. KI automatisiert Prozesse intelligent

Über die Identifizierung hinaus ermöglicht die Nutzung von KI eine weiterführende Verarbeitung von Informationen. Basierend auf erlernten Prozessen ist KI in der Lage, Informationen zuzuordnen, zu labeln und zu klassifizieren. Technisch ist eine solche Verarbeitung mit Intelligent Process Automation umsetzbar. Hierbei wird ein zu automatisierender Prozess zunächst in seinen Einzelschritten analysiert und ggf. optimiert, bevor die KI durch Imitation der vom Menschen getätigten Abläufe darauf trainiert wird, die einzelnen Teilschritte des Prozesses eigenständig durchzuführen. Die intelligente Prozessautomatisierung stellt durch die Einbildung von KI-Elementen, wie Natural Language Processing oder maschinellem Lernen, eine Weiterentwicklung der einfachen Prozessautomatisierung dar.

Diese Technologie birgt großes Potenzial für Sicherheitsbehörden, die sich durch eine intelligente Automatisierung repetitiver Prozesse zugunsten anspruchsvollerer Aufgaben befreien können. Eine solche Automatisierung ist beispielsweise für Bußgeldprozesse oder das Lesen und Validieren von Reisepässen an den Außengrenzen denkbar. Als weiterer positiver Effekt ist zu nennen, dass KI solche Prozesse dank ihre Fähigkeiten zur Selbstoptimierung mit jeder Wiederholung effektiver absolviert.

3. KI kommuniziert

Die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen stellen die ‚stille‘ Komponente der KI dar. Sie kann aber auch selbst zu Wort kommen – nämlich durch ihre Fähigkeit zu kommunizieren. Mithilfe von Sprach- und Texterkennung sowie Advanced Analytics nimmt KI Kommuniziertes auf und verarbeitet den Inhalt. Mittels Sprachgenerierung ist sie zudem in der Lage, eine Antworten darauf zu generieren.

Mit dieser Fähigkeit ermöglicht es KI der Polizei, Interaktionsformate mit Bürgern zu entwickeln, Gespräche zu führen und Sachverhalte zu kommunizieren. So ist die Entwicklung einer KI-gesteuerten App denkbar, die als erster und jederzeit verfügbarer Ansprechpartner für Bürger dienen kann. Diese App kann Informationen in Form von Schrift, Bild und Ton wahrnehmen und verarbeiten und eine Art erste Hilfe leisten. Auch die gezielte Weiterleitung von Informationen an relevante Polizeidienststellen ist von großem Wert. Darüber hinaus lassen sich mittels KI Falschmeldungen und Täuschungen leichter erkennen, was ebenfalls eine Entlastung für die Polizeibeamten bedeuten würde.

4. KI unterstützt bei der Entscheidungsfindung

Die Erkenntnisse, die KI aus der Identifizierung von Mustern und Sachverhalten gewinnen konnte, dienen als ideale Basis für Schlussfolgerungen hinsichtlich des weiteren Vorgehens. So kann KI eine aktive Rolle im Rahmen von Entscheidungsprozessen spielen, wenn ihr Vorschlagsmöglichkeiten eingeräumt werden und sie mögliche Richtungen angeben kann. Technologisch ist an dieser Stelle Advanced Analytics, insbesondere Prescriptive Analytics, relevant.

Diese neue Entscheidungskoinstanz kann Sicherheitsbehörden wirksam unterstützen. Zum Beispiel ist KI in der Lage, die Informationen einer sich in Echtzeit entwickelnden Gefahrensituation auszuwerten und den Sicherheitsbeamten auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse Handlungsempfehlungen für den Einsatz zu geben. Ebenso kann KI für intelligente Ressourcenplanung an Flughäfen genutzt werden, um die Abläufe rund um die Passagiersicherheit zu optimieren.

Ein hohes Potential – und noch offene Fragen

Indem KI Eigenschaften im Rahmen der Identifikation, Interaktion, Automatisierung und Hilfestellung bei Entscheidungsprozesse ermöglicht, wappnen sich Sicherheitsbehörde mit Mitteln, die den heutigen Herausforderungen einer solcher Organisation im digitalen Zeitalter gerecht werden. Dabei stehen auf dem Weg zur datengestützten Organisation aber noch einzelne Herausforderungen: Wie etwa die Datenqualität, die Datenethik oder auch der notwendige Kulturwandel innerhalb der Prozesse und Strukturen.

Diese Herausforderungen, und wie zu meistern sind, erfahren Sie im Teil II des Artikels.

Vielen Dank an die Co-Autorin Maxi Annabel Hoops für die maßgebliche Erstellung dieses Blogbeitrages.

Weiterführend Informationen zum Thema

Veranstaltungshinweis: Am 4. und 5. Februar findet auch diese Jahr wieder der Europäische Polizeikongress in Berlin statt. Am ersten Veranstaltungstag nimmt unser Autor Pierre-Adrien Hanania ebenfalls am „Fachforum 1D – Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei Sicherheitsbehörden“ teil. Melden Sie sich jetzt noch an und treffen Sie unsere Experten vor Ort.

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