Open Insurance: Wo bleiben die starken Ökosysteme der Versicherungswirtschaft?

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Mehr als jeder zweite Versicherer sagt laut World InsurTech Report, Partnerschaften seien entscheidend – und doch arbeitet nicht mal jeder Dritte mit Ökosystempartnern zusammen. Warum?

Gunnar Tacke, Capgemini

Was haben Allianz, Lemonade und Tesla gemeinsam? Sie experimentieren abseits der klassischen Versicherungsmodelle. Tesla? Ja, auch Tesla. Gerade personalisierte Echtzeiterlebnisse sind ein erklärtes Ziel der Versicherer – für sie allein aber unerreichbar. Sie haben erkannt, dass sie von offenen Plattformen für spontane, intensive Zusammenarbeit mit InsurTechs und Drittanbietern profitieren würden, zögern mehrheitlich aber bei der Umsetzung.

 

Neue Allianzen für die Kundenbindung

Zu einem großen Wurf in Richtung digitaler Öffnung – und Vereinheitlichung nach dem eigenen Vorbild – holt aktuell die Allianz SE aus: Sie will ihre IT-Plattform „Allianz Business System“ (ABS) gemeinsam mit Microsoft weltweit als Branchenlösung etablieren. Die dazu gegründete Software-Tochter Syncier bietet die „ABS Enterprise Edition“ als Software-as-a-Service (SaaS) Versicherern und InsurTechs über die Microsoft Azure Cloud an. Um die Lösung herum soll ein B2B-Marktplatz für Software-Services entstehen, etwa für Chatbot-Beratung oder Fraud-Lösungen auf KI-Basis, die Versicherer via Plug-and-Play einbinden können. Wie weit dieser Wurf letztlich kommen wird, hängt davon ab, wie gut die Konkurrenz das Angebot annimmt.

Doch auch daneben fallen die Zeichen der Zeit dichter: Das größte amerikanische Versicherungs-Start-up Lemonade tritt in den deutschen Markt ein, rückversichert von der Axa. Sie lässt bewusst die Konkurrenz für ihre Erstversicherungskunden zu, um Innovationen für Kunden auch über Partnerschaften voranzutreiben. E-Auto-Pioneer Tesla bietet Versicherungen für die eigenen Fahrzeuge direkt selbst an und will seinen Informationsvorsprung über die Risikoprofile der Besitzer für individuell-risikobezogene Prämien nutzen. Fast leise ist die Allianz mit Allianz direct an den Start gegangen – einer Onlinevertriebsplattform für ganz Europa, die schnelle und einfache Kundenerlebnisse zu attraktiven Preisen forciert.

Die Versicherungswirtschaft befindet sich inmitten einer grundlegenden Transformation. Einen Überblick über die antreibenden Makrotrends und technologischen Möglichkeiten sowie über bisherige Kooperationsmodelle, Innovationsansätze und -hemmnisse bei Versicherern erhalten Sie im Manager Magazin Special ManagerWissen „Digitale Versicherungswirtschaft“.

Vorbei sind die Zeiten des traditionellen Versicherungsansatzes mit standardisierten, allein auf Risikoträgerschaft beschränkten Produkten und selbstverständlicher Inhaberschaft der Kundenschnittstelle. Kunden erwarten neue Produkttypen, Servicemodelle und Zugangswege, deren Komplexität und Vielfalt für viele Versicherer allein nicht zu bewerkstelligen ist.

Markttrends und Impulse von Kunden schnell umsetzen

Diese neue Weltordnung erfordert ein vernetztes Ökosystem von Versicherern, InsurTechs, Dienstleistern und anderen Technologieanbietern, um die Erwartungen der Kunden zu bedienen. Um in diesem komplexen Umfeld zu bestehen, müssen die Versicherer aggressiv neue Geschäftsprozesse und Technologien einführen, die ein „Outside-In-Modell“ unterstützen: Damit können sie auf der Basis von Kunden- und Markttrends neue Wertschöpfungspotenziale schaffen. Ein experimentelles, innovationsförderliches Vorgehen ermöglicht ihnen hierbei, in einem weitaus schnelleren Tempo neue Fähigkeiten und Produkte zu entwickeln – und letztlich ihre Kunden mit nützlichen, personalisierten Echtzeiterlebnissen an sich zu binden.

Open Insurance eröffnet Chancen

Bei der Vielzahl der zu integrierenden Partner bedeuten individuell auszuhandelnde und zu implementierende Schnittstellen einen enormen Aufwand und werden schnell zum Machbarkeits-Killer. Ein branchenweiter Open-Insurance-Ansatz kann durch API-Standards die Bereitstellung von Dienstleistungen und Daten für Partner, Communities und Start-ups erleichtern und bietet damit eine einheitliche Basis für neue Dienste, Anwendungen und innovative Geschäftsmodelle.

Aber wo bleiben diese Modelle?

68 Prozent der Versicherer sagen laut World InsurTech Report, dass Partnerschaften entscheidend sind. Aber nur 32 Prozent arbeiten heute mit entsprechenden Ökosystem-Partnern zusammen, um Services mit Mehrwert anzubieten. Als Beispiel sei Lemonade genannt: Das Start-up stellt seine Versicherungsleistung als API für die Integration in andere Dienste bereit. Smart-Home-Anbieter, Immobiliendienstleister oder auch die Betreiber von E-Commerce Marktplätzen können die Produkte schnell, einfach und durch die entsprechenden Bots nutzerfreundlich in ihre Anwendungen integrieren.

Einheitliche Standards fehlen hier aber weiterhin. Eine Ausnahme bildet allenfalls der BiPRO-Branchenstandard, der zumindest die Zusammenarbeit von Versicherern und Vermittlern adressiert. Für die einfache und umfassende Bereitstellung sowie für die Integration von Versicherungsdienstleistungen in neue, branchenübergreifende Ökosysteme finden sich bislang auch keine überzeugenden Lösungen. Es wird sich zeigen, ob etwa die Allianz-Plattform sich in die Richtung eines Standard-Gebers entwickeln kann.

Kundenschnittstelle optional, Plattformteilnahme Pflicht

Plattformen, Marktplätze und Ökosysteme sind die Wirtschaftsmodelle der Zukunft. Versicherungsbetriebe laufen Gefahr, durch die zunehmende Macht von Plattformbetreibern wie Amazon und Apple die direkte Beziehung zum Kunden zu verlieren,  denn deren Reichweiten sind uneinholbar und ihre Kundenorientierung ungeschlagen. Das ist jedoch kein unabwendbares Schicksal – im Gegenteil: Mit der richtigen Strategie können Versicherer vom Plattformtrend profitieren. Doch dazu müssen sie sich entscheiden, ob sie eine führende Rolle an der Schnittstelle zum Kunden einnehmen wollen und können. Sicherlich ist das nur für die großen Player eine Option und auch für diese sehr aufwendig. Oder wollen sie auch auf Plattformen ein gut aufgestellter Produktgeber werden? Angesichts der zu erwartenden Vielfalt an branchenübergreifenden Ökosystemen sind Offenheit, Standardisierung und Einfachheit der Schnittstellen dafür Pflicht.

Welchen Playern traut man zu, eine starke Plattform zu etablieren? Und wie kann die Versicherungsbranche eine umfassende Standardisierung erreichen? Könnten Dritte dabei eine ausschlaggebende Rolle spielen? Ist es vorerst ausreichend, wenn eine Standardisierung deutschlandweit gilt oder sollte die Branche direkt eine europäische Lösung finden?
Viele Fragen sind offen – ich freue mich auf eine spannende Diskussion mit Ihnen.

Erfahren Sie mehr zu den Herausforderungen der Versicherungsbranche im World Insurance Report 2019/20.

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