Agile Vorgehensmodelle in der Produktentwicklung – Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung

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Welchen speziellen Herausforderungen müssen sich Entwicklungsorganisationen bei der Einführung agiler Vorgehensmodelle stellen? Und mit welchen Maßnahmen können sie diesen begegnen?

In unserem ersten Blog-Artikel haben wir erläutert, warum agile Vorgehensmodelle auch in der Entwicklung von physischen Produkten Sinn machen und wie dadurch die Effizienz in der Produktentwicklung gesteigert, die Kunden- & Mitarbeiterzufriedenheit gehoben sowie Risiken minimiert werden können. Agilität ist damit ein Grundstein für wahre Innovation im Unternehmen. Doch warum tun sich produzierende Unternehmen nach wie vor so schwer damit, agile Vorgehensmodelle in der Praxis einzuführen? In diesem Artikel erläutern wir, welche Herausforderungen es bei der Einführung agiler Vorgehensmodelle gibt und welche Vorrausetzungen erfüllt sein müssen, damit der Umstieg gelingt.

Die agile Transformation im Bereich physischer Produkte bringt neben den bekannten, zusätzliche Herausforderungen mit sich

Die Entscheidung, agile Vorgehensmodelle einzuführen, konfrontiert Unternehmen mit diversen Aufgaben. Eine Änderung von über Jahre etablierten Prozessen, stellt Mitarbeiter und Manager vor große Herausforderungen. Rollen müssen neu definiert und gelebt werden – Abstimmungspunkte, Kommunikationsmuster und auch Geisteshaltungen müssen sich verändern. Zudem ist der klassische, auf Qualitäts-Gateways beruhende Entwicklungsprozess nicht vereinbar mit dem agilen Gedanken einer inkrementellen Weiterentwicklung des Produktes durch interdisziplinäre Teams in Sprints. Hier müssen das Entwicklungscontrolling und die Anreize für Führungskräften neu definiert und vom Erreichen von Projektmeilensteinen gelöst werden.

Zudem gibt es Herausforderungen, die in den physischen Eigenschaften eines Produkts begründet liegen: Während der Zeit- und Kostenaufwand für die Herstellung, Anpassung und Distribution von Software relativ gering ist, ist er für physische Produkte deutlich höher. Dies ist unter anderem darin begründet, dass Software inhärent modular ist, während die Abhängigkeiten in physischen Produkten nur schlecht beeinflusst werden können. Dies bedeutet, dass Änderungen oft weitreichende Folgen nach sich ziehen und Feedbackschleifen tendenziell länger sowie teurer sind. Der Einsatz neuer Technologien und eine an der Kundenwahrnehmung ausgerichtete Modularisierungsstrategie helfen, schnelles Feedback zu überschaubaren Kosten zu generieren.

Die Notwendigkeit das Produkt herzustellen, führt auch eine zusätzliche Komplexitätsebene in der Entwicklung ein: Neben der Ausdetaillierung des Produkts muss auch die notwendige Produktionsinfrastruktur und die Supply Chain aufgebaut werden. Während sich hier die Interdisziplinarität von agilen Teams auszahlt, muss besonders auf eine saubere Kommunikation an den Schnittstellen zwischen Teams geachtet werden, um Unsicherheiten für alle Stakeholder transparent zu machen. Nur so lassen sich valide Entscheidungen treffen und Fehlinvestitionen vermeiden.

Unser Agile Engineering Framework bildet den Rahmen für die ganzheitliche Einführung agiler Vorgehensmodelle in der Produktentwicklung und bietet Orientierung bei der Definition von konkreten Maßnahmen

Um die Herausforderungen der Einführung agiler Vorgehensweisen in der Entwicklung physischer Produkte zu beherrschen und dadurch die Optimierungspotentiale (siehe Artikel 1 unser Blog-Serie) ausnutzen zu können, haben wir ein Framework entwickelt, das Unternehmen hilft, ihre Transformationsprogramme zu strukturieren und damit die Herausforderungen zu bewältigen (siehe Abb. 1).

Auszug-aus-dem-Capgemini-Invent-Agile-Engineering-Framework.
Abb. 1: Auszug aus dem Capgemini Invent Agile Engineering Framework

Jedes Unternehmen ist unterschiedlich und so muss sich auch die Einführung von agilen Vorgehensweisen an der jeweiligen Unternehmenssituation ausrichten. Unser Framework definiert 5 Handlungsfelder um einen maßgeschneiderten Ansatz zu definieren:

  1. Prozesse & Methoden: An das Unternehmen und die Industrie angepasste agile Prozesse und Methoden erlauben es, besser auf Änderungen reagieren zu können und sie optimieren die Kommunikation. Hier gilt es, verwendete Praktiken und Prozesse so abzustimmen und einzusetzen, dass sie die jeweiligen Ziele des Unternehmens stützen.
  2. Rapid Feedback: Neue Technologien erlauben schnelles & häufiges Feedback und minimieren dadurch die Kosten für jede Iteration. Die Auswahl der richtigen Technologien und die Verfügbarkeit für die richtigen Unternehmensbereiche gilt es zu meistern.
  3. Organisation & Governance: Neue organisatorische Strukturen erlauben es, interdisziplinäre Teams einzuführen und diese mit der benötigten Entscheidungsbefugnis arbeiten zu lassen. Sie verbessern außerdem den Wissensaustausch innerhalb des Unternehmens.
  4. Cultural Leadership & Change: Der agile Gedanke muss im Management gelebt werden. Erst das Führen mit agilen Werten und Methoden ermöglicht eine positive Feedback- & Fehlerkultur und schafft den benötigten Raum für Innovation und Selbstorganisation.
  5. Produkt & Portfolio: Eine modulare Architektur antizipiert die Hauptrichtungen für Veränderungen im Produkt und entkoppelt besonders änderungsintensive oder -sensible Bereiche vom Rest des Produkts. So wird die schnelle Integration von neuen Inkrementen ermöglicht.

Gleichzeitig zeigen wir Schlüsselfaktoren auf, die maßgeblich dazu beitragen die jeweilige Voraussetzung zu erfüllen, um erfolgreich agil arbeiten zu können. So sind z.B. für den Bereich „Prozesse & Methoden“ unserer Erfahrung nach vor allem die folgenden Faktoren besonders wichtig:

  • Identifizierung von Unternehmensbereichen (Produkten, Projekten, Prozessen, etc.) mit hohem Agilisierungsbedarf
  • Anpassung der Prozesse an die neue strategische (agile) Ausrichtung
  • Harmonisierung von agilen und nicht-agilen Prozessen und Methoden
  • Erfassung von möglichen Einschränkungen auf die Agilisierung und Definition von Gegenmaßnahmen (z. B. ISO 9000 A-Spice)
  • Einsatz von Piloten für frühzeitigen Erkenntnisgewinn und Schaffung von Akzeptanz

Um mehr darüber zu erfahren, welche Schlüsselfaktoren bei der Einführung agiler Vorgehensmodelle in der Produktentwicklung beachtet werden sollten und worauf es im Detail bei den einzelnen Faktoren ankommt, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Es bleibt die Frage, wie die Einführung agiler Vorgehensmodelle in Ihrem Unternehmen konkret gestaltet werden kann. Erfahren Sie dazu mehr in unserem nächsten Blog-Artikel.

Vielen Dank an die Co-Autoren Nicola Leonard Haag, Robert Adam und Maximilian Nagl.

Erfahren Sie hier im 1. Blog unserer Reihe wie Sie agile Methoden die Ausrichtung Ihrer Entwicklungsorganisation an den Leitlinien: Effizienz, Risikominimierung und Mitarbeiterorientierung unterstützten.

Mehr Infos über agile Produktentwicklung in unserem Beitrag in der Wirtschaftswoche: „Wie Fahrzeuge im Sprint entstehen

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Alle Blogartikel zu diesem Thema:

  1. Be agile or be disrupted – Warum Agile Engineering für produzierende Unternehmen in der Zukunft überlebenswichtig wird
  2. Agile Vorgehensmodelle in der Produktentwicklung – Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung
  3. Wie die Einführung agiler Vorgehensmodelle im Engineering gelingt
  4. Mögliche Widerstände bei der Einführung agiler Produktentwicklung & entsprechende Lösungsansätze
  5. „Agile Engineering“ vs. „Automotive SPICE“ – Gegensatz oder Ergänzung?

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