Retouren und Kosten reduzieren durch 3D Technologie

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Onlinebestellung von Mode, falsche Größe, Retoure und erneute Bestellung – kommt Ihnen das bekannt vor? Dieser Trend könnte sich bald ändern.

Wahrscheinlich jede Industrie beschäftigt sich heute so stark wie nie zuvor mit Lösungsansätzen, um das eigene Produkt- und Serviceangebot möglichst genau auf die Kundenbedürfnisse zuzuschneiden und in der globalen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. Das betrifft vor allem den Einzelhandel im Allgemeinen, sowie die Modebranche im Speziellen: Morgan Stanley hat festgestellt, dass 53% der Kunden online keine Modeartikel kaufen würden, wenn sie die Kleidung nicht anprobieren könnten[1].  Das führt dazu, dass 41% der Modekunden mehrere Variationen und Größen eines Artikels auf einmal bestellen, um sich das passende Teil auszusuchen und den Rest zurückzusenden[2].

  • Problem für den Kunden: Er muss immer wieder Pakete zurückschicken, teilweise eine andere Größe nachbestellen und wartet regelmäßig auf Rückerstattungen.
  • Problem für den Modehändler: Seine Supply Chain und das Handling sind komplexer, Retouren müssen kostenintensiv verarbeitet werden, Umsatz und Absatz sind weniger planbar.

Eine Technologie verspricht Abhilfe und könnte eine revolutionäre Lösung für eine gesamte Branche bieten: 3D Körpermodelle.

3D Technologie als die innovative Lösung?

Durch modernste Technologie ermöglichen 3D Körpermodelle einen virtuellen Blick auf die exakte Figur und Körpermaße einer Person. Derartige Modelle können mittlerweile auch mit hoher Genauigkeit mit handelsüblichen Mobilfunkgeräten generiert werden. Diese Technik verspricht sowohl Vorteile für Kunden als auch Händler im Online- und Offline-Handel wie zum Beispiel:

  • Neues, interaktives Einkaufserlebnis online und im Geschäft
  • Virtuelle Anprobe von verschiedenen Kleidergrößen und Farben
  • Individuelle Größenberatung durch die präzise, passgenaue Visualisierung von Modeartikeln
  • Höhere Kaufbereitschaft der Kunden für zugeschnittene Produkte und dadurch erhöhtes Absatz- und Upselling-Potenzial
  • Weniger Retouren führen zu geringeren Kosten, Reduktion unnötiger Entsorgungen und einer Entlastung der Kunden
  • Mehr Transparenz und Kostenreduktion durch digitale Wertschöpfungsketten und Prozesse

Im Endeffekt stellt all dies auch ein großes Potenzial für den „Made-to-Measure“ Massenmarkt dar, sofern diese Technologie in der Breite Fuß fasst. Es gibt bereits verschiedene Ansätze, wie Kleidung vollautomatisiert anhand von individuellen Körpermaßen gefertigt werden kann[3].
Bislang mangelt es jedoch an Standardisierung und Harmonisierung im Markt:

  • Größenformate und Maße unterscheiden sich heute je nach Hersteller und Region. Kunden fällt es dadurch schwer, direkt zur passenden Größe zu greifen. Dabei würden standardisierte Größenmaße die Produktion und den Vertrieb im Modegeschäft deutlich erleichtern.
  • Gängige Design-Programme wenden heute vielfältige 3D Formate an. Was jedoch fehlt ist ein absolutes 3D Standardformat über Programme und Firmen hinweg. Gepaart mit einer einheitlichen IT-Landschaft würde dies die Basis für die einfache übergreifende Kommunikation in der Modebranche – vom Hersteller bis zum Händler – schaffen.
  • Standardisierung steigert das Potential von datengetriebenen Modellen. Der Einsatz von Analytics hilft Modefirmen Absatz, Preispunkte, Schnittmuster und das passende Sortiment für den Kunden gezielter zu prognostizieren.

Beispielhafte Player im Bereich der mobilen 3D Körpermodelle

Das Start-up Fision mit Sitz in Zürich beschäftigt sich seit 2015 mit der Aufnahme und Weiterverarbeitung von körperbezogenen Daten. Durch das Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz und Visual Computing gelingt dem Unternehmen die einfache Erstellung von 3D Körpermodellen. Mit nur zwei Fotos in der Fision App werden sämtliche Körpermaße erfasst, ein 3D Körpermodelle erstellt und darauf basierend auch individuelle Größenempfehlungen an den Kunden ausgesprochen.

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Copyright Fotos: Fision

Fisions Technologie gleicht dabei die Körpermaße mit den Kleidungsinformationen ab, die im System des Herstellers hinterlegt sind. Über die Fision Plattform, die Modeunternehmen mit ihrer Webseite verknüpfen können, bietet Fision Modekunden die Kundenvermessung zwecks made-to-measure, Größenempfehlungen und die virtuelle Anprobe von Kleidung an.

Kleidungsinformation_3D_Capgemini_Invent

Copyright Foto: Fision

Ein weiterer Anbieter ist OneFID (kurz für One Fitting Identity) mit Haptgeschäftssitz in Lichtenfels. OneFID erstellt 3D Körpermodelle, und hat sich dabei auf den perfekten Sitz von Schuhen spezialisiert. Das Team aus Köln bietet den Service sowohl Privatpersonen, Schuhherstellern als auch Online- und stationären Händlern an. Mit nur einem Blatt Papier und einer Handykamera oder per Eingabe des Lieblingsschuhmodells wird per App eine „Fitting ID“ erstellt, die als Basis für die Empfehlung der richtigen Schuhgröße dient.

OneFID_Abbildung

Copyright Fotos: OneFID

Erste Anwender im Markt: Nike Fit

Der Industrievorreiter Nike ist erst kürzlich mit einer Lösung für das Problem in den Markt gegangen, dass ca. 60% aller Menschen in den USA die falsche Schuhgröße tragen – und mehr als eine halbe Million Menschen alleine in den USA unzufrieden mit ihrer suboptimalen Schuhpassform sind. Mit Nike Fit hat das Unternehmen eine App-basierte Anwendung entwickelt, die es Kunden ermöglicht, ihre Füße schnell und hoch akkurat zu messen. Dadurch kann Nike seinen Kunden individuelle Größenempfehlungen für jedes seiner Schuhmodelle aussprechen, und so die Kundenzufriedenheit signifikant erhöhen. Auf Basis der Messergebnisse werden dem Kunden bspw. in der Nike App ideale Schuhmodelle nur noch in seiner optimalen Größe angezeigt – und diese optimale Größe muss nicht einheitlich sein, sondern kann sich je nach Schuhmodell voneinander unterscheiden. Gleichzeitig wird Nike Fit auch im stationären Einzelhandel genutzt, um dem Kunden auf Basis seiner individuellen Fußform Modell- und Größenempfehlungen auszusprechen.

3D Technologie: Zukunftsperspektiven

Generell sehen wir ein spannendes Potenzial in 3D Körpermodellen, da die digitale Neuerung sowohl für den Kunden als auch die internen Händlerprozesse einen großen Mehrwert verspricht. Kunden profitieren von einem besseren Kauferlebnis und unkomplizierter virtueller Anprobe. Händler haben die Chance, ihren Umsatz zu steigern und Kosten von Retouren und Umtauschen zu senken. Die technologische Lösung ist in einer Basisversion bereits einsatzbereit, muss sich aber noch in der Darstellung vor Kunde weiterentwickeln. Herausforderungen bestehen außerdem noch darin, dass Kleidung nicht nur objektiv richtig passen muss, sondern auch je nach Kundenpräferenz manchmal besonders eng anliegen oder locker sitzen soll, sowie dass Kunden insgesamt Vertrauen in die neue Lösung gewinnen. Zuletzt wird es eine Herausforderung für die technologischen Player sein, die Daten aus dem Frontend vor Kunde im Backend mit Händlerdaten zu integrieren. Bei entsprechender Marktreife und -durchdringung der Technologie schätzen wir jedoch das grundsätzliche Potenzial, dass aus der Qualität und Quantität der generierten Daten erwachsen kann, als überzeugend ein.

 

Quellen:

 

[1] Alphawise for Morgan Stanley Research (Mai 2018), https://www.morganstanley.com/ideas/3d-scanning-apparel

[2] Shopify, https://www.shopify.com/enterprise/ecommerce-returns

[3] Z.B. Stoll, Shimaseiki, https://www.stoll.com/en/machines/knitwear/, http://www.shimaseiki.com/product/knit/

 

 

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