Was bedeutet künstliche Intelligenz (AI) im Kontext der Planung?

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Die Supply Chain Planung stellt in der Zukunft einen der am meisten von künstlicher Intelligenz beeinflussten Bereiche dar. Daten werden die Supply Chain Landschaft bestimmen und die Grundlage für veränderte Abläufe, Anforderungsprofile und Geschäftsmodelle sein.

Teleshopping ist im Zeitalter des Internets für viele, wenn nicht sogar die meisten, undenkbar. Doch der nächste Satz könnte geradewegs über die Lippen einer Moderatorin mittleren Alters fließen, die im Teleshopping das Thema künstliche Intelligenz anpreist:

„Bedienen Sie in Zukunft die Nachfrage Ihrer Kunden ohne Fehlbestände bei möglichst kleinem Lagerbestand.“

Finden Sie, dass der Satz übertreibt? Keineswegs! Was heute noch nach purer Utopie klingt, wird schon in naher Zukunft möglich sein – Die Schlüsselkomponente in unseren Supply Chains ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz (AI). Wir verwenden künstliche Intelligenz um Erkenntnisse aus großen und umfangreichen, teilweise unsortierten Datenmengen zu gewinnen und nutzen diese Erkenntnisse für die Erstellung von Prognosen beispielsweise zur Absatz- und Preisentwicklung.

Erreicht wird dies im Kern durch drei Elemente, die sich in der heutigen Planungslandschaft bereits durchgesetzt haben. Zunächst finden wir eine immer größer werdende Anzahl von Datenquellen vor, die mehr und mehr Daten denn je produzieren, wie z.B. Mobilgeräte und vernetzte Maschinen. Des Weiteren verzeichnen wir eine Steigerung der Rechenleistung. Rechenleistung, die eventuell sogar in der Cloud betrieben wird, ermöglicht eine schnelle Verarbeitung großer Informationsmengen. Das dritte Element sind intelligente Algorithmen, die die Menge an Daten analysieren, Muster erkennen und am Ende die Prognosen erstellen. Der Zuwachs von Datenquellen, die Steigerung der Rechenleistung und auch die Erschaffung immer intelligenterer Algorithmen wird auch in den kommenden Jahren einen Aufwärtstrend erleben, sodass der Integration von künstlicher Intelligenz in die bestehenden Planungsprozesse nichts im Wege steht.

Der Weg der Daten

Daten sind überall zu finden – auf unseren Mobiltelefonen, Tablets und Smartwatches, in der GPS-Navigation von Pkw und Lkw, unseren Kundenkarten, in Produktionsmaschinen und sogar in Gabelstaplern. Natürlich befinden sich Daten aber auch in den bestehenden IT-Systemen, die von Unternehmen seit Jahrzehnten genutzt werden und in denen Exabyte an geschäftsrelevanten Informationen gespeichert sind; Daten, die heute in unseren Supply Chains fast ungenutzt sind. Schade, finden Sie nicht auch? Blicken wir 15 Jahre in die Zukunft, werden wir feststellen, dass dieser Datenstrom keineswegs abreißen wird; im Gegenteil, er wird drastisch zunehmen. Nicht nur Elektrogeräte, sondern fast alle Gegenstände des täglichen Lebens wie Kleidung, Schuhe, Autos, Fahrräder, Kühlschränke und ganze Häuser werden nun Daten produzieren, die auf Knopfdruck zugänglich sein werden. Standardisierte Schnittstellen werden die technischen Hürden weiter senken und zur Integration aller vorhandenen Informationen beitragen, wobei alle Informationsquellen miteinander oder mit einer entsprechenden Plattform verbunden sind. Damit stellen die Plattformen die zentrale Informationsebene dar, sodass nun zum ersten Mal für unsere Lieferkette alle Informationen vorliegen – angefangen vom Rohstoff bis hin zur Nachfrage des einzelnen Kunden. Solche Kontrolltürme werden wie Datenverteiler fungieren. Informationen aus der gesamten Lieferkette werden hier gesammelt und entsprechend der Bedürfnisse der jeweiligen Akteure aufbereitet und weitergeleitet. „Aufbereiten“ lässt sich so einfach sagen, doch in der Praxis liegt hier die größte Herausforderung.

Künstliche Intelligenz? Sie wird deine Planungsprozesse nachhaltig beeinflussen!

Bereits 2018 hat die effektive Nutzung von Daten einen erheblichen Einfluss auf bestehende Supply Chains ausgeübt. Nichtsdestotrotz wird in der Planung vorwiegend konservativ gearbeitet, sodass nur eine kleine Anzahl von Einflussfaktoren für eine Prognose in Betracht gezogen wird. In der Vergangenheit war dies auch gut darin gerechtfertigt, dass der begrenzende Faktor und Entscheidungsträger jeweils der Mensch war. Doch wollen wir ehrlich sein: Der Mensch ist nicht dafür prädestiniert viele Daten gleichzeitig zu verarbeiten und zu analysieren – schon gar nicht, wenn es sich dabei um Sekundenentscheidungen handelt. Es ist daher nur „folgerichtig“, dass das detaillierte Datenhandling an jemanden übergeben wird, der dazu in der Lage ist: einen kontinuierlich lernenden, intelligenten Algorithmus. Dies schafft Freiräume für die Planer, die sich nun auf die tatsächlich abgebildete Realität und deren Herausforderungen fokussieren können. Neue Situationen können auch weiterhin durch erfahrene Planer gemeistert werden. Künstliche Intelligenz soll in unseren Prozessen lediglich helfen, jedoch nicht übersteuern.

Die (R)Evolution der Supply Chain. Aber wie genau?

Die Supply Chain wird durch die Integration einer intelligenten Planung, welche durch AI Algorithmen gestützt wird, erweitert, um zeitgleich die Bewertungen und Analyse von großen Datenmengen vornehmen zu können. Doch selbst mit AI bleibt eine „Kette nur so stark wie das schwächste Glied“. Kurzfristig auftretende Abweichungen müssen auch in Zukunft von der Supply Chain als Gesamtes abgefedert werden. Alle nachfolgenden Supply Chain Prozesse müssen somit in der Lage sein, auf diese kurzfristigen Abweichungen und die veränderte Kundennachfrage zu reagieren. Hier ermöglicht die Integration von AI-unterstützter Planung in die Supply Chain erhebliche Effizienzpotenziale innerhalb der kurz- und mittelfristigen Planung.

Im Prognostizieren der Nachfrage wird künstliche Intelligenz den Weg zu einem minimalen Planungsfehler für Bedarfe und Bestände ebnen. Mit verkürzten Reaktionszeiten kann auch auf spontan auftretende Nachfrageabweichungen reagiert werden. Die dadurch ermöglichte direkte Kommunikation in Echtzeit von Einkauf bis zu Vertrieb, reduziert den Cash-to-Cash Zyklus und vermindert die Kapitalbildung im Unternehmen erheblich. Darüber hinaus ermöglichen intelligente Algorithmen in der mittelfristigen Planung die Erkennung von Mustern in der Nachfrage, um Trends vorherzusagen anstatt ex-post zu reagieren. Dadurch werden Lagerhäuser und Vertriebszentren nicht mehr zum Spielball zwischen verfügbarem Bestand und tatsächlich eintretender Nachfrage, sondern dienen der aktiven Vertriebsgestaltung entlang der gesamten Supply Chain.

Um die neuen Potenziale auch nutzen zu können, bedarf es allerdings der umfangreichen Verfügbarkeit verschiedenster Daten. Die Vernetzung von ERP Systemen mit Datenplattformen für Wettervorhersagen, Bestandsleveln, Produkteigenschaften, Durchlauf- und Lieferzeiten, Kommunikations- und Social Media Daten, etc. sind entscheidende Faktoren zur Mustererkennung und somit zum zukünftigen „Planungswissen“.

Im Zeitalter von Instagram und Facebook beweist die Bedeutung von Social Media Marketing im Konsumgüterbereich bereits heute, dass es nicht länger ausreicht nur seine eigenen Verkaufskampagnen zu planen. Das Verwenden von Informationen aus Social Media ist ein wichtiger Bestandteil beim prognostizieren der zukünftigen Bedarfe. Dadurch können die Bedürfnisse der Endkunden direkt in die Planung integriert und gemeinsam mit den daraus resultierenden Parametern bis hin zu den Zulieferern kommuniziert werden.

Im Bereich der Nachbelieferung werden planungsrelevante Zahlen nicht mehr ausschließlich von der Kundennachfrage abhängen. Websitenaufrufe, Transportwege und -positionen, Einkaufspreise und weitere frei verfügbare Daten werden in Echtzeit verfügbar sein und auf „intelligente“ Weise in der Planung der eigenen Supply Chain verwendet werden. Durch diese „Intelligenz“ werden Firmen nicht mehr unvorbereitet von plötzlich eintretenden Kundenaufträgen überrascht werden. Der Grad der Integration, die Datenverfügbarkeit, die Prognosegenauigkeit und die dadurch resultierende Flexibilität ermöglichen deutlich reduzierte Durchlaufzeiten vom Auftragseingang bis zur Auslieferung, da alle nachfolgenden Schritte der Supply Chain bereits initiiert worden sind, sobald der Auftrag eingeht. Weitere Nebeneffekte werden eine schnellere Verfügbarkeit der rückgemeldeten Daten aus der Supply Chain und reduzierte Qualitätsprobleme sein.

Neben der tatsächlichen und exakten Planung zur Bedarfsdeckung, ermöglicht intelligente Planung die Simulation von Echtzeitszenarien. Entlang verschiedener Dimensionen wie Infrastruktur, IT und ERP Systemen, können Planwerte im Langfristhorizont optimiert werden. Im Gesamten wird eine Transformation von einer prozess- hin zu einer datengetriebenen Supply Chain stattfinden. Diese Transformation wird sich nicht nur in Abläufen, Systemen, oder der Auftragserfüllung, sondern vor allem in einem neuen Anforderungsprofil der professionellen Fähigkeiten des Personals widerspiegeln.

Wie wird sich der Markt verändern?

Zusätzlich zu steigender Profitabilität der Supply Chain, werden sich Möglichkeiten für radikale Veränderungen des gesamten Marktes ergeben. Daten spielen die zentrale Rolle, wodurch Chancen für neue Akteure entstehen, Daten zu aggregieren, zu verarbeiten und dann innerhalb der Lieferkette zur Verfügung zu stellen. Solche Services reichen von der Datenaufbereitung bis zur spezifischen Optimierung einzelner Planungsbereiche. Es werden sich allerdings auch vollkommen neue Geschäftsbereiche eröffnen. Hochspezialisierte Dienstleister werden auf die Stammdaten von Firmen zugreifen und sie, nicht nur durch firmeninternes Wissen, sondern vor allem durch eigene Tools und Erfahrungen von jeder firmensubjektiven Färbung befreien und in einen optimalen Zustand für alle datengetriebenen Prozesse bringen. Andere Firmen werden die existierenden Daten der Supply Chain nutzen, um Nachfragespitzen bestimmter Produkte vorherzusagen und kurzfristige Produktionskapazitäten für Firmen mit Engpässen zu versteigern. Mit einer auf Daten ausgerichteten Basis werden Akteure innerhalb der Supply Chain in der Lage sein sich auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters vorzubereiten. Dies bedeutet, Kunden, die nicht zwangsläufig physische Güter kaufen, individuelle und innovative Lösungen anbieten zu können. In 15 Jahren wird die Nachfrageprognose mit AI nicht nur entscheidend, sondern essentiell für das Überleben von Firmen sein.

Co-Autor: André Heßler

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