Autonomes Fahren in Europa: Zum Greifen nah und doch so fern?

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Die Ankündigungen zahlreicher OEMs und anderer Mobilitätsdienstleister nähren die Hoffnung auf eine zeitnahe, massenmarkttaugliche Realisierung von autonomem Fahren. Diese eindimensionale, technologiegetriebene Sichtweise greift jedoch zu kurz. Warum Industrie, Politik und Gesetzgebung kundenorientierter handeln müssen – eine Analyse auf drei Ebenen.

In den letzten Jahren hat sich ein neues Mobilitätsbedürfnis gebildet: Der Konsument verlangt nach einem einfachen, schnellen, verlässlichen und bequemen Zugang zu Mobilität. Autonomes Fahren der Stufe 51 verspricht, diese Anforderungen umfassend befriedigen zu können und darüber hinaus die Sicherheit und Nachhaltigkeit zu steigern. Das Wettlaufen von OEMs, Tech-Giganten und Fahrdiensten hat längst begonnen, was zu einer rasanten Entwicklung in der Sensorik geführt hat – Vollautomatisierung der Stufe 41 steht bereits in den Startlöchern. Das alleinige Vorantreiben der Grundtechnologie ist jedoch nicht zielführend. Was jetzt geschehen muss.

1. Wissenschaft und Wirtschaft müssen Vertrauen sicherstellen

Für 2/3 aller Befragten unserer Cars Online Studie 2017 ist Sicherheit die Haupterwartung, die der Konsument an autonomes Fahren knüpft. Aktuell gibt es hierbei vor allem im Bereich Cybersecurity Handlungsbedarf. Da der Datenaustausch von Fahrzeugen untereinander und mit der Umwelt eine Grundvoraussetzung für autonomes Fahren darstellt, entsteht ein potenziell angreifbares System. Berichte über Datendiebstähle und die externe Kontrollübernahme von Fahrzeugen mehren sich – zurück bleibt Verunsicherung. Hacking ist bereits heute das Hauptbedenken des Konsumenten hinsichtlich autonomen Fahrens.2

Herausforderung: Wirtschaft und Wissenschaft muss es gelingen, einen sicheren Datenaustausch zu garantieren und diesen dem Konsumenten glaubhaft zu versichern.

2. Die deutsche Politik muss den Aufbau einer benötigten Infrastruktur vorantreiben

Schützen kann man nur, was vorhanden ist. Genau hier liegt eine weitere, essentielle Herausforderung im Datentransfer. Die lückenlose und flächendeckende Echtzeit-Übertragung großer Datenmengen – in Deutschland ist dies nicht absehbar. Hierzu müsste ein umfassender Rollout des Mobilfunkstandards 5G erfolgen. Die Versteigerung der 5G-Frequenz ist für 2019 angesetzt, der Netzausbau wird voraussichtlich 2020 beginnen. Wie lange es dauern wird, bis eine 100%ige Flächendeckung erreicht werden kann, ist völlig unklar. Der gegenwärtig noch nicht abgeschlossene Rollout des 4G Standards lässt jedoch nichts Gutes erahnen.

Herausforderung: Die Politik muss das Vergabesystem der Frequenzen überarbeiten, um den Wettbewerb unter den Netzbetreibern zu verstärken. Gleichzeitig muss Sie durch Druckausübung den 5G Rollout beschleunigen.

3. Regulatorische und ethische Fragestellungen müssen beantwortet werden

Eine Gruppe von Menschen befindet sich auf dem rechten Fahrstreifen, eine Person auf dem linken, der Zusammenstoß von Fahrzeug und Mensch ist nicht mehr abwendbar – wie soll sich das autonome Fahrzeug verhalten? Moralische Gedankenexperimente wie dieses, bekannt unter dem Begriff Trolley-Dilemma, sorgen für ein Spannungsfeld von Ethik und Gesetzgebung beim autonomen Fahren. Denn Studien zeigen: Ein Großteil der Menschen würde das Individuum überfahren. Autonome Fahrzeuge, die gemäß diesen menschlichen Moralvorstellungen programmiert wären, würden jedoch gegen Grundgesetz und Menschenrechte verstoßen. Eine Klassifizierung des Wertes eines Lebens ist demnach nicht erlaubt. Doch was ist nun aus Entwicklersicht bei der Programmierung zu tun?

Herausforderung: Die Rechtsprechung muss klare und mit der Ethik zu vereinbarende Grundsätze definieren, nach denen ein Fahrzeug im Falle einer unausweichlichen Kollision handeln soll.

Einen Schritt weiter scheint man auf den ersten Blick beim deutschen Straßenverkehrsrecht. Hier hat man im Jahre 2017 Rechtssicherheit für autonomes Fahren der Stufe 3 geschaffen. Im gleichen Jahr hat AUDI im A8 einen Staupiloten der Stufe 3 präsentiert. Klingt nach einem Match, ist aber keiner. Ausgebremst wird die Technologie in diesem Falle durch die EU. Entsprechende Freigaben wurden immer noch nicht verabschiedet, weshalb der Staupilot nicht verbaut wird.3

Herausforderung: Europäische und deutsche Gesetzgebung müssen gemeinsam bei der rechtlichen Zulassung autonomer Fahrzeuge vorgehen.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Interaktion der Ebenen

Die Gesetzgebung muss zunächst verbindliche Rahmenbedingungen schaffen, die mit Hilfe der Politik länderübergreifend durchgesetzt werden. Sind auch infrastrukturelle Fragestellungen geklärt, können sich Wirtschaft und Wissenschaft um die technische Umsetzung kümmern (siehe Abbildung). Die Ebenen müssen in steter Interaktion stehen, sonst drohen weitere Fälle wie der von AUDI. Im internationalen Kontext sind Europa und Deutschland bereits abgehängt: Die autonom fahrende Testflotte von Waymo (Stufe 4) hat auf amerikanischen Straßen kürzlich die 10 Millionen-Meilen-Marke geknackt.

Abbildung Herausforderungen für autonomes Fahren in Europa

Abbildung: Herausforderungen für autonomes Fahren in Europa, eigene Darstellung

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1. Autonomes Fahren: die 5 Stufen zum selbstfahrenden Auto

2. Americans‘ Biggest Fear of Autonomous Cars? Hacking

3. Fünf Fragen an Miklos Kiss, AUDI

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