Künstliche Intelligenz: Was die Evolution uns lehrt

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„Schreib einfach Blockchain oder AI neben den Namen und dein Geschäft wird durch die Decke gehen“, „Produktivitätsprobleme? Vergangenheit!“ oder „KI löst alle deine Probleme auf einmal“ – Es sind Stimmen des Hypes, große Predigten des Marketings – und das Business glaubt es, nickt und finanziert.

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Aber hinter all den Verheißungen verbirgt sich auch eine unangenehme Wahrheit: Noch sind wir nicht so weit und bis wir es sind, ist es noch ein weiter Weg. Noch lässt sich die künstliche Intelligenz sehr leicht täuschen und noch verursachen selbstfahrende Uber-Autos Unfälle mit Todesfolge.

Wer sich nun fragt, wie weit der Weg noch ist, den möchte ich auf einen kleinen Exkurs einladen, in den wohl außergewöhnlichsten Mechanismus aller Zeit: die Evolution. Mit dabei: die unendliche Geschichte unseres Gehirns und ein paar fantastische Beispiele menschlicher Fiktion.

Und es ward Licht…

Am Anfang, im Ur-Ozean dieser jungen Erde, war alles Leben nichts als es eine Suppe aus Aminosäuren. Aus der Dunkelheit des PAH-Kosmos entstand eine Welt der RNA mit den ersten Organismen. Doch diese RNA war fehleranfällig und wurde fast obsolet, als DNA die Bühne betrat.

Von diesem Moment an tauchten immer komplexere Organismen auf, zuerst Prokaryonten, dann Eukaryonten. Letztere besaßen das Potenzial für immer raffinierte biologische Strukturen – mit der Zeit auch immer mehr mit Nervensystemen. Damit konnten sie ihren Körper besser kontrollieren und Informationen über ihre Umgebung sammeln, speichern und verarbeiten. Je besser die Organismen in der Lage waren, diese Fähigkeiten zu nutzen, desto größer war ihre Chance, sich fortzupflanzen und Gene weiterzugeben. Hier kommen die Gehirne ins Spiel.

Ein menschliches Gehirn besitzt im Durchschnitt 1011 Neuronen, vernetzt durch 1015 Verbindungen. Es teilt sich auf in verschiedene Areale, mit variabler Spezialisierung. Wir alle wissen, wie unzuverlässig unsere Gehirne sind: Sie vergessen, sie erzeugen falsche Erinnerungen und haben nur wenige, sehr langsame Schnittstellen, um Informationen aufzunehmen. Es ist nicht einfach, ihnen etwas Neues beizubringen und sie entledigen sich manchmal auch nur sehr schwer. Und weil jedes von ihnen mit seinen Netzwerken auf wundersame Weise komplett einzigartig, aber unübertragbar ist, verschwindet es immer wieder zusammen mit dem Körper, mit dem es sich entwickelt hat. Was wir können ist, verschiedene Gedanken zwischen den Gehirnen auszutauschen, wie Ideen oder Überzeugungen, aber dabei werden sie meistens missverstanden oder verändert. Auch ist es gar nicht so leicht, dieses Netzwerk zu trainieren, es braucht Jahre, um nützlich sein. Aber immerhin, mit dem Gehirn liegt alles übersichtlich zusammen, an einem Ort, kompakt verpackt in einer kleinen, runden, menschlichen Box.

Der Weltraum, die letzte Grenze

Die meisten Funktionen dieses Gehirns dienen dem Überleben. Und dann, wenn dies gelingt, der Fortpflanzung – genau wie bei Tieren. Ein besonderes Merkmal aber ist uns Menschen einzigartig: es ist die Fantasie. Sie war entscheidend für unseren evolutionären Erfolg.

Diese Vorstellungskraft erlaubt es uns auch, über das ultimative Ziel aller Intelligenz (auch der künstlichen) nachzudenken. Wo führt sie uns am Ende hin? Anregungen für diese Gedanken finden wir an einem Ort, an dem unbegrenzte Kreativität und freie Gedanken ungebremst aufeinandertreffen. In der Fiktion.

Daher wage ich einen Schwenk hin zu Literatur und Film. Wie sieht dort die perfekte künstliche Intelligenz aus? Im Folgenden habe ich einige Beispiele zusammengestellt – von der menschlichsten bis hin zur gottähnlichsten KI. Die Auswahl ist willkürlich, soll aber zeigen in welche Richtung die KI wohl gehen könnte.

Lieutenant Commander Data, einer der bekanntesten Androiden aus dem StarTrek-Universum, hat ein positronisches Gehirn. Es ist klein genug, um in den Kopf des Leutnants zu passen. Er hat die gleichen Schnittstellen wie ein Mensch, und einige zusätzliche Stecker, die verwendet werden, um Informationen von und zu Commander Data zu übertragen.

 

In Blade Runner begegnen wir synthetischen Menschen, den sogenannten Replikanten, aufgrund ihres menschenähnlichen und manchmal sogar besseren Verhaltens von „echten“ Menschen nicht mehr zu unterscheiden. Wieder geht es um relativ kleine, kompakte neuronale Netzwerke: Sie lernen schnell, sind aber immer noch durch menschliche Makel vorbelastet.

 

 

Ein Navigationscomputer in Ananke, eine der SciFi-Geschichten von Stanislaw Lem, war eine große Kiste produziert in Serie und lernte Neues mit Leichtigkeit. Aber sein Lehrer gab menschliche Fehler an die Maschine weiter und übertrainierte sie. Die Folge: Der Computer wurde überambitioniert und verursachte den Absturz eines Raumschiffes, der die gesamte Crew tötete.

Und es ward lichter…

Keine der oben genannten KI-Inkarnationen ist perfekt. Sie sind teils besser als Menschen, teils schlechter. Wir sind also immer noch nicht am Ziel. Sehen wir weiter:

Deep Thought, aus Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis, ist ein Computer, der von pan-dimensionalen, hyper-intelligenten, mausähnlichen Wesen im dreidimensionalen Raum geschaffen wurde. Seine Größe entspricht der einer Kleinstadt. Deep Thought kann die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest beantworten. Leider konnten die Menschen die Antwort nicht begreifen und waren äußerst enttäuscht.

 

Jane, eine fiktive Figur in Orson Scott Cards Ender-Serie, existiert in einem über das gesamte Universum verteilten Netzwerk von Computern. Sie beginnt ihr Leben als einfache, ordinäre künstliche Intelligenz, entwickelt mit der Zeit aber ein eigenes Bewusstsein. Sie kann unmittelbar mit allen Knoten ihres Netzwerks kommunizieren. Jedes elektronische Gerät im Universum ist eine ihrer Schnittstellen. Sie ist sehr mächtig, hat aber einen Makel: Eifersucht.

 

Multivac, oder AC (Automatic Computer) aus Asimovs Die letzte Frage – die letzten Endes zur Ursache wird – bestand erst aus mehreren Maschinen. Dann wurde er auf mehrere terrestrische Standorte ausgedehnt, daraufhin auf mehrere Planeten, durchlief schließlich eine selbstsüchtige Phase, umfasste mehrere Galaxien und wurde so groß, dass er sich selbst in den Hyperraum transferieren musste, weit jenseits von Gravitation und Zeit. Und erst dann, als die Menschheit schon lange verschwunden war, war Multivac in der Lage, die (ewig gleiche) Frage zu beantworten, die schon mehrere Milliarden Jahre zuvor gestellt wurde.

 

Gut genug ist gut genug

Wie wir sehen, gibt es wenig Grund zur Hoffnung. Weder die Natur noch die Fiktion verheißen baldige Perfektion. Jede der hier angeführten KIs hatte ihre ganz eigenen Mängel und konnte die vergeblichen Träume ihrer Schöpfer nicht erfüllen – auch nicht nach Milliarden Jahren Training.

Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass wir unsere Technologien nur mit einem evolutionären Ansatz verbessern können und nicht versuchen sollten, die ultimative Frage oder Lösung auf einen Schlag zu finden – auch wenn uns das viel kostet. Zum Beispiel für Fehler bezahlen, aus ihnen lernen und uns dann wieder bewusst werden, dass wir hier mit Feuer spielen.

Ich schlage also Folgendes vor: Machen wir es Schritt für Schritt, mit gesundem Menschenverstand und allgemeinem Konsens. Lassen Sie uns alle verfügbaren Werkzeuge nutzen und gemeinsam neue entwickeln, indem wir die Ergebnisse unserer Experimente mit anderen teilen. Dieser Ansatz erfordert, dass sich künstliche Intelligenz in einem offenen, holistischen Prozess entwickelt, der alle Beteiligten an einen Tisch holt: Die Wissenschaft als Wegbereiter, die Unternehmen als Treiber, die Gesellschaft als Nutznießer, die Politik als Koordinator. Alle Stakeholder sollten für die Entwicklung und alle möglichen Folgen ihres Handelns verantwortlich sein. Die Lösungen auf diesem Weg müssen weder perfekt noch universell sein. Sie sollten kleine Probleme lösen und nicht versuchen, den Menschen in allen seinen Domänen bestmöglich zu ersetzen. Sie sollte einfach nur gut genug sein, für die Aufgabe, die ihr gestellt ist, denn gut genug ist gut genug.

 

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