Von der Energiewende zur Cloudwende – Teil 1: Gegenwind für Energieversorger

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Die Liberalisierung, Energiewende und Digitalisierung haben den Energiemarkt vom Ponyhof in ein Pferderennen verwandelt.

Das energiewirtschaftliche Spannungsfeld.

Die Energiewirtschaft ist das Opfer vieler fordernder externer Einflüsse. Als Grundbedürfnis und zuweilen auch öffentliches Gut hat jede Instanz Interesse an einer stabilen Energieversorgung. Die Industrie sieht sich dabei im Spannungsfeld zwischen Staat und Endkunden, wie keine andere. Der Staat „beschränkt“ sie mit einer strikten regulatorischen Umgebung, die den Wettbewerb und somit den finanziellen Druck erhöht. Der Endkunde erwartet eine günstige Grundversorgung ohne Wenn und Aber und nimmt die meisten Energieversorger kaum wahr. Das Internet und Stromvergleichsportale befähigen ihn dabei mit wenigen Klicks jederzeit den Anbieter zu wechseln. Phänomene, wie der Klimawandel oder Katastrophen, wie Fukushima befeuern dabei hitzige Debatten, die Staat und Endkunden gleichermaßen zunehmend polarisieren und die Energieversorgungsunternehmen (EVU) unter erhöhten Veränderungsdruck setzen.

Vom Ponyhof zum Pferderennen.

Der deutsche Energiemarkt war aber nicht immer so dynamisch. Vor zwei Jahrzehnten war er monopolistisch-geprägt und für die teilnehmenden EVU sehr komfortabel. Nicht nur, dass sie die komplette Wertschöpfungskette von Erzeugung, über Übertragung und Verteilung, bis hin zu Vertrieb und After Sales innehatten. Sie sahen sich außerdem nicht gezwungen ihre Produkte und Services am Kunden auszurichten. Kein Wunder, der Kunde hatte kaum eine Wahl. Schließlich gab es nur einige wenige Player, die die riesigen zentralisierten Erzeugungsanlagen und bei Aktivisten hochbeliebten Stromtrassen besaßen – ein natürliches Monopol eben.

Der damalige Energiemarkt war ein Ponyhof, bei dem man für das dreibeinige Pony den höchsten Preis verlangen durfte.
Was ist geschehen?

Der Markt öffnet sich.
In den 1990er Jahren wurde mit der Energiemarktliberalisierung auch anderen Marktteilnehmern ein diskriminierungsfreier Zugang zu allen energiewirtschaftlichen Wertschöpfungsketten gegeben. Plötzlich sah man sich im Wettbewerb. Die Folge: die großen Übertragungsnetze wurden zum Großteil an ausländische Unternehmen verkauft. Im 2005 angepassten Energiewirtschaftsgesetz wurde zudem ein neutraler Netzbetrieb, das sogenannte „Unbundling“, vorgeschrieben. Netze und Vertriebe wurden entflechtet und gezwungen unabhängig voneinander zu agieren. In einigen Unternehmen arbeiten beide noch unter einem Dach, aber teilweise gegeneinander – eine bizarre Vorstellung.

Die CO2-Schleudern verschwinden.
Zwischen 2002 und 2011, aber vor allem angetrieben durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima in 2011, wurde der Begriff Energiewende durch eine Reihe an Gesetzen und aber auch aus einer tiefen gesellschaftlichen Motivation heraus geprägt. Plötzlich waren die großen, zentralen und fossilen Kraftwerke extrem unbeliebt – man musste sukzessive auf kleine, dezentrale, aber dafür grüne Erzeugungsanlagen umstellen. Gar nicht mal so einfach. Allein um die 2017 in Deutschland durch Kohle erzeugten ca. 220 TWh Strom zu ersetzen, bedarf es beispielsweise nahezu 37.000 onshore Windkraftanlagen mit je 2 MW, bei einer angenommenen Auslastung von 3.000 Stunden im Jahr. Zum Vergleich: ein Atomkraftwerk mit 1 GW Kapazität operiert bis zu 8.000 Stunden im Jahr und bildet somit ca. 1.300 dieser Windkraftanlagen ab. Abgesehen von den immensen Platzproblemen und der NIMBY-Mentalität („Not In My Back Yard“) hätte in so einem Szenario ein windarmer Tag schwerwiegende Folgen.

Die Welt wird digital.
Mit dem Erwachen des Internets, mobiler Geräte und dem durch den cleveren Einsatz von Sensoren geprägten Begriff „Industrie 4.0“ läutete auch für Energieversorger das Zeitalter der Digitalisierung ein. Plötzlich stand der Kunde im Mittelpunkt und es gab unermessliche Möglichkeiten, sein Geschäft zu optimieren bzw. zu erweitern. Platte Energielieferung ohne individuelle Services war und ist nicht mehr möglich. Unternehmen auf der ganzen Welt überlegen, wie sie Smartphone-Besitzer weg von tinder und hin zu ihren eigenen Lösungen bewegen können.

Der heutige Energiemarkt ist zum Pferderennen geworden, bei dem die Zuschauer freien Eintritt haben und die Jockeys um ihre Gunst kämpfen müssen.

Das klassische EVU ist tot – wie wird es reanimiert?

Aufgrund sinkender Großhandelspreise für Strom und Gas bricht zudem das klassische Geschäft des EVU weg. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss es sich neu erfinden und den Endkunden mit maßgeschneiderten Services bedienen. Doch wie sollen altbewährte Energieversorger die träge Maschinerie in Gang setzen und verhindern, dass neue Player Nischen besetzen und ihn auf die Infrastrukturebene verdrängen? Wie sollen sie sich in der heutzutage vollkommen kundenorientierten Marktumgebung wahrnehmbar machen und schnell auf die abrupt wechselnden Bedürfnisse und unerwarteten Ereignisse reagieren? Und wie sollen sie sich auf neue Produkte und Services fokussieren, aber dennoch ihr weiterhin profitables Kerngeschäft nicht vernachlässigen?

Antworten auf diese Fragen erhalten Sie in unserem 2. Teil der Blogserie: „Multispeed-IT“ als Enabler, welcher am 16.03.2018 hier auf diesem Blog erscheint.

In unserem PoV „Cloud in der Energiewirtschaft – ungenutzte Potentiale“ spannen wir den Bogen vom Megatrend Digitalisierung hin zu einer maßgeschneiderten Cloud-Strategie für Energieversorgungsunternehmen.

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Dieser Artikel wurde von Goran Lovric verfasst.

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