Digitalisierung im Bankenwesen: Ist der Sturm schon vorüber?

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Noch vor zwei Jahren stand den Banken die Angst ins Gesicht geschrieben. Werden Fintechs die Branche revolutionieren und den traditionellen Banken das Geschäft wegnehmen?

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Sogar die Großen bangten vor dem disruptiven Ruf der Startups.  Damals schrieb ich hier einen Artikel mit dem Titel Banking ohne Bank und grübelte über den akuten Wandel der Branche, speziell im Privatkundengeschäft. Die befürchtete Uberisierung blieb aus. Zeit also für ein Resümee.

Haben sich die dunklen Wolken verzogen und kann man wieder zur Tagesordnung übergehen? Tun Sie es nicht, denn was wir bisher erlebt haben, dürfte nur der Anfang gewesen sein. Ein paar meiner Prophezeiungen aus 2015 waren letztlich weniger drastisch als erwartet, dafür beobachten wir gerade andere Bereiche, in denen der Stein jetzt erst so richtig ins Rollen gerät.

Wirft man einen Blick in aktuelle Umfragen, wie den neuen World Retail Banking Report, so bleibt festzustellen, dass ich bei zwei Punkten etwas zu enthusiastisch war:

  • Die „Digital Disruption“ durch neue Marktteilnehmer hat so nicht stattgefunden. Traditionelle Banken haben das Jahr 2016 sehr erfolgreich abgeschlossen, wie Finanzberichten der Banken zu entnehmen ist (hier das Beispiel Sparkassen) und kämpfen eher mit einem schwierigen Marktumfeld und niedrigen Zinsen als mit neuen Marktteilnehmern.
  • Blockchain, Artificial Intelligence und andere “disruptive” Technologien sind mit ihren assoziierten Produkten bisher weniger eingeschlagen als erwartet. Zwar kletterte der Bitcoin-Kurs diese Woche auf ein neues Allzeithoch von über 4000$, die Blockchain-Technologie dahinter bleibt aber meiner Meinung nach weiterhin überschätzt. Bisher konnte noch kein wirklich nennenswerter Business Case für das Bankenwesen gefunden werden konnte. Auch Big-Data und künstliche Intelligenz (AI) stecken trotz erster Visionen im Bankensektor noch in den Kinderschuhen.

Aber ist denn immer noch alles beim Alten? Nein, ganz und gar nicht. Dazu nur einige Beispiele:

  • Cloud wird von vielen Banken mittlerweile sehr viel umfassender verstanden. Sie gilt nicht mehr nur als Infrastruktur, sondern als neue Plattform zur Umsetzung neuer digitaler Produkte. Azure, AWS oder auch Immediate sind Plattformen, die es Entwicklern ermöglichen, sehr viel effizienter Geschäftsideen umzusetzen. Technisch komplexe Dienste wie z.B. Zugriffsmanagement oder nahezu beliebige Skalierung von Anwendungen sind gelöst und müssen nicht erneut implementiert werden.
  • Einige neue Anbieter am Markt wie z.B. Number26 konnten sich etablieren. Sie gewinnen Kunden mit Fokus auf mobile Anwendungen und setzen etablierte Banken mit ihren Online-Angeboten unter Druck. Diese reagieren auf diesen Trend mit eigenen Entwicklungszentren für mobile und digitale Anwendungen (siehe z.B. Deutsche Bank)
  • Serviceanbieter etablieren sich. Ein erfolgreiches Beispiel ist z.B. stripe, die Dienste für Zahlungsverkehr weltweit anbieten. Mit diesem wachsenden Ökosystem an online verfügbaren Banking-Services werden wiederum neue digitale Produkte möglich, für die bisher nur etablierte Banken über die notwendige Infrastruktur verfügten.
  • Banking APIs sind definiert, werden laufend erweitert und sind bereits von einzelnen Banken zur Verfügung gestellt worden (z.B. Figor oder OpenBankProject), um so Dritten die Entwicklung eigener Anwendungen zu erlauben. Etablierte Banken wie z.B. die comdirect stellen im Rahmen von Hackathons umfangreiche APIs zur Verfügung.

Der Wandel der Bankenbranche durch die Digitalisierung ist also präsent, wenn auch die großen Veränderungsprozesse bislang unter der Oberfläche abgelaufen sind. Viele Banken haben reagiert und agile Entwicklungsteams zur Erstellung neuer Produkte etabliert. Die Nutzung von Cloud-Lösungen und die eigene Entwicklung in der Cloud gehören mittlerweile zum Repertoire moderner IT-Abteilungen einer Bank. Und eigene organisatorische Digital-Einheiten verproben neue Produktideen und integrieren Ideen und Produkte von Fintechs in die eigene IT Landschaft. Die allseits verheißene Disruption ist allerdings ausgeblieben. Es dominieren weiterhin die etablierten Institute den Markt.

Das ist erst der Anfang

Ist der große Sturm der Veränderung also verzogen? Haben wir vielleicht alle die Chancen und Risiken der Digitalisierung zu hoch eingeschätzt? Erleben wir nach DotCom ein weiteres Mal das Platzen einer großen Blase, dieses Mal aber im Fintech-Bereich?

Ich meine nein. Was wir sehen ist gerade erst der Anfang einer weiteren großen Veränderung. Zum einen hat sich die Marktlage mit dauerhaft niedrigen Zinsen nicht geändert und verspannt weiterhin die Ertragslage im klassischen Kreditgeschäft der Banken. Zum anderen sorgen insbesondere Auflagen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) wie PSD2 (Payment Service Directive) zu einer erzwungenen Öffnung der Banken in Richtung einer Banking API für Drittanbieter. Das wird den Wettbewerb an der Schnittstelle zum Kunden zwangsläufig verschärfen.

Es bedeutet aber auch, dass Banken die Fähigkeit gewinnen werden müssen, gemeinsam mit neuen Partnern viel schneller als bisher neue Produkte zu entwickeln.

Wem dieses gelingt, der hat dann die Chance viel stärker als bisher mit Hilfe von Partnern neue Produkte zu entwickeln, bei denen der Kunde wirklich gewinnt und dafür auch bereit ist zu zahlen. Dazu gehört sehr viel stärker als bisher die Fähigkeit über den Tellerrand zu blicken um Produkte auch außerhalb des eigenen Kerngeschäfts zu entwickeln.

Warum nicht ein Post-pay-Nahverkehrsticket, welches mich erst am Ende eines Monats mit dem für mich günstigsten Tarif belastet – aber dem Betreiber immer die Sicherheit gibt, die erbrachte Leistung auch bezahlt zu bekommen? Warum nicht ein Produkt für Jugendliche entwickeln, bei dem Inhalte für populäre Spiele wie z.B. „League of Legends“ als Bonus für einen abgeschlossenen Fondssparplan erworben werden können? Anbieter von Paypal beschreiten diesen Weg bereits und integrieren ihre eigenen Bezahldienste in Chatsysteme wie z.B. Skype.

Was bedeutet all das für die IT dahinter?

Für die IT bedeutet das, eine Zielarchitektur zu definieren und zu realisieren, die eine technische Integration in beide Richtungen flexibel, sicher und nachvollziehbar ermöglicht. Dann ist der Weg zu einem Netzwerk aus Partnern nicht mehr weit, in dem Services sehr viel leichter miteinander kombiniert werden können, das je nach Benutzung und Beteiligten einfach abrechenbar ist und Produkte viel schneller entwickelt werden können. Die Cloud als Plattform-as-a-Service beschleunigt den Aufbau einer solchen Zielarchitektur erheblich.

Mit diesen Schritten vollzieht sich aber auch ein Wandel der IT einer Bank weg vom Dienstleister des Fachbereichs hin zu zum Treiber des Kerngeschäfts. Aber das kann nur gelingen, wenn die IT in Banken stärker als bisher gemeinsam mit dem Fachbereich an neuen, digitalen Produkten arbeitet. Und wenn sich die Bank insgesamt mehr als IT-Unternehmen, denn als reines Bankinstitut begreift.

Welche Großwetterlage prognostizieren Sie dem Bankenwesen? Ich freue mich über Ihre Kommentare!

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