Angesichts des Cloud-Hypes fragt man sich schon, ob Individualsoftware überhaupt noch eine Zukunft hat. Ja auf jeden Fall, sagen die europäischen CIOs, die kürzlich in einer Studie der IDG Business Media dazu befragt wurden. Sie sind der Meinung, dass Individualsoftware so wichtig ist wie eh und je. Kein Wunder, repräsentiert sie doch in vielen Fällen das Tafelsilber des Unternehmens. In der Individualsoftware werden die Prozesse abgebildet, die für das Unternehmen einzigartig sind und die meistens auch den Wettbewerbsvorteil ausmachen. Als standardisierte Cloud-Software vom Anbieter ist das in der Regel nicht zu bekommen. Es gibt allerdings bereits Ansätze, Anwendungen im Baukastenprinzip anzubieten. Diese Entwicklung steht noch ziemlich am Anfang, aber damit wäre dann jedes Unternehmen in der Lage, seine Geschäftsprozesse ganz individuell beim Softwarehersteller abzubilden. Wäre das der Tod der Individualsoftware?

Standardsoftware, traditionell vom Anwender-Unternehmen selbst betrieben, wird von den meisten Anbietern neben der Lizenzversion inzwischen auch als Software as a Service angeboten. Um weiterhin mit ihrem Angebot wettbewerbsfähig zu bleiben gilt das Motto „fly or die“.

Anwender-Unternehmen, die nicht auf solche Cloud-Angebote umsteigen, haben in der Regel einen oder mehrere der folgenden Gründe dafür:
1.      wenn sich die Investitionen in die selbst betriebenen Systeme erst amortisieren müssen, so dass der Umstieg auf eine Cloud-Lösung wirtschaftlich noch keinen Sinn macht.
2.      wenn Daten verarbeitet werden, die aus rechtlichen Gründen nicht in eine externe Cloud verlagert werden können. Dann greift das Angebot eines Outsourcing-Anbieters, der die Standard-Anwendung pflegt und betreibt. Oder
3.      wenn die Standardsoftware aufwendig individuell erweitert oder angepasst wurde und diese Änderungen nicht in die Cloud mitgenommen werden können.

Gegen die Nutzung von Individualsoftware aus einer Anbieter-Cloud sprächen ähnliche Argumente: Erstens die bereits getätigten Investitionen und zweitens der Datenschutz. Drittens wäre es aber auch fraglich, ob Unternehmen so freigiebig ihr wettbewerbsrelevantes Know-how, das sie als Prozesse in der Software hinterlegt haben, einem Anbieter übergeben würden, der möglicherweise nicht an europäisches Recht gebunden werden kann.

Dementsprechend scheinen die Überlebenschancen von Individualsoftware wieder sehr gut, allerdings wird auch sie sich ändern müssen. Denn die Teilnehmer der IDG Business Media-Umfrage sind sich einig, dass Individualsoftware Cloud-fähig gemacht werden muss. Also lautet die Frage eigentlich nicht: Ist Individualsoftware tot? Sondern eher: Wann wird der Prozess, Individualsoftware Cloud-fähig zu machen, industrialisiert? Und gehört die Zukunft nicht anstatt dem Cloud-Provider der Unternehmens-eigenen Cloud, weil sie demnächst vor allem das Tafelsilber bereitstellen wird?

PS: Falls Sie noch einmal nachschauen möchten, mein Kollege Michael Capone hatte letztes Jahr fünf Methoden beschrieben, mit denen man Anwendungen Cloud-fähig macht.