Die Kundenbereitschaft ein Fahrzeug online zu kaufen nimmt stetig zu. In 2017 waren fast die Hälfte (42%) der Kunden bereit für den Onlinekauf (verglichen mit 35% in 2015).* Sowohl Hersteller als auch Drittanbieter versuchen so schnell wie möglich auf diesen Trend zu reagieren. Wirft man einen genaueren Blick auf die online Vertriebskanäle im Automobilbereich, stellt sich jedoch schnell heraus, dass es nur wenige End-to-End online Angebote gibt. Woran liegt es, dass insbesondere Hersteller so zögerlich den Onlinevertrieb angehen?

Systemseitige Herausforderungen bei der Einführung von E-Commerce im Automobilbereich

Aus meiner Projekterfahrung weiß ich, dass Hersteller beim Aufbau eines Onlinevertriebs mit diversen Herausforderungen zu kämpfen haben. Seien es rechtliche Themen aufgrund des Fernabsatzverkehrs oder Change Management Themen, um entsprechende Rollen und Prozesse im Handel zu etablieren. Es sind jedoch insbesondere die systemseitigen Herausforderungen, die oftmals zu schwerwiegenden Problemen und Verzögerungen in der Entwicklung führen. Die Jahrzehnte lang gewachsenen Strukturen mit Altsystemen sowie die Heterogenität der Händlersysteme bergen eine hohe Komplexität bei der Umsetzung einer nahtlosen, digitalen Customer Journey. Systeme, die teilweise noch aus den 70er Jahren stammen, setzen entweder überhaupt keine Anforderungen mehr um oder können mit den modernen Anforderungen einer digitalen Welt nicht mithalten. Ihnen liegen starre Entwicklungszyklen zugrunde und sie verfügen nicht über die benötigten Schnittstellen, sodass ein agiles, digitales Projekt maßgeblich behindert wird. Auch der langsame flächendeckende Rollout von neuen Händlersystemen kann zu einem Stolperstein für E-Commerce werden.

Für ein kundenfreundliches und nachhaltiges E-Commerce Erlebnis ist die Integration von Business Funktionalitäten in die E-Commerce Plattform eine dringende Notwendigkeit:

Integration von Business Funktionalitäten in die E-Commerce Plattform

Eine nahtlose Customer Journey und reibungslose Prozesse setzen daher sowohl händler- als auch herstellerseitige Systemintegrationen voraus.

Mit Hilfe von Cloud Technologie kann der Aufbau einer E-Commerce Plattform unterstützt werden

Um den geeigneten Plattformansatz zu finden, müssen im ersten Schritt funktionale und nicht-funktionale Anforderungen gesammelt werden. Dann können die zur Erfüllung der Anforderungen benötigten Module identifiziert sowie die Schnittstellen zwischen den Modulen aufgezeigt werden. Sobald der Umfang der Plattform bekannt ist, kann über das Vorgehen beim Aufbau der E-Commerce Plattform entschieden werden. Hier unterscheidet man grundsätzlich drei verschiedene Ansätze. Alle drei Ansätze können durch Cloud Technologie unterstützt werden.

Standard Software bietet E-Commerce-Funktionalitäten und Standardprozesse, die sofort einsatzbereit, aber stark limitiert sind und sich auf die Funktionalitäten der gewählten Softwarelösung beschränken. Insbesondere lässt sich mit Standard Software schwer ein spezifischer USP gegenüber Wettbewerbern aufbauen. Standard Software kann als Software-as-a-Software (SaaS) ohne jegliche Installation direkt aus der Cloud bezogen und zur sofortigen Verwendung bereitgestellt werden. Alternativ bietet sich die Installation auf einer automatisierten IT-Infrastruktur an, um somit die Vorteile von Infrastructure-as-a-Service (IaaS), wie höchste Verfügbarkeit und Sicherheit zu genießen. Auch die Installation auf einer IT-Infrastruktur in einem eigenen oder outgesourcten Rechenzentrum ist natürlich möglich. Hierbei fallen allerdings hohe Investitionskosten an.

Framework Software bietet generische E-Commerce-Funktionalitäten und fungiert als Basiskomponente mit der Fähigkeit, Funktionalitäten flexibel anzupassen. Hierfür wird IT Know-how benötigt und es fällt ein gewisser Programmieraufwand an, bevor die Software einsatzbereit ist. Eine Framework Software lässt sich sowohl auf einer automatisierten (IaaS) als auch auf einer selbstgehosteten oder outgesourcten Infrastruktur installieren. IaaS sorgt auch hier für höchste Verfügbarkeit und Skalierbarkeit. Bei der selbstgehosteten Variante hingegen liegt die zuverlässige Verfügbarkeit des Onlineshops in den eigenen Händen.

Eigenentwicklung bietet den höchsten Grad an Flexibilität für Funktionalitäten ohne jegliche Einschränkungen, erfordert dafür aber auch den höchsten Programmieraufwand. Bei einer selbstentwickelten Lösung bietet sich nur die Etablierung einer Plattform-as-a-Service (PaaS) an, um sowohl die IT-Infrastruktur als auch Entwicklungs-, Test- und Releaseprozesse zu automatisieren und dadurch Kosten zu reduzieren. Eine Integration mit jeglichen bestehenden Anwendungen ist hierbei kein Problem.

Welcher Entwicklungstyp im Einzelfall zu empfehlen ist hängt sowohl von den jeweiligen Zielen als auch Ressourcen wie Budget und IT-Skills ab.

In der Automobilbranche bieten sich aufgrund der gegebenen Komplexität vor allem Framework Software oder selbstentwickelte Lösungen an. Mit der Auswahl einer passenden Framework Software lässt sich durch die vorgegebenen Basiskomponenten ein schneller „Time-to-Market“ realisieren ohne gänzlich auf Anpassungen zu verzichten. Für den After Sales Bereich, der dem klassischen Versandhandel noch am nächsten kommt, bietet Framework Software eine gute Basis für den Aufbau eines E-Commerce Shops. Für den reinen Fahrzeugvertrieb bietet sich in den meisten Fällen eher eine selbstentwickelte Lösung an, um die größtmögliche Flexibilität zu gewährleisten und alle bestehenden Anwendungen zu integrieren. Somit kann am besten mit der komplexen Anwendungslandschaft in der Automobilindustrie umgegangen werden.

Wenn Sie Hilfe bei der Auswahl der geeigneten Lösung sowie Unterstützung bei der Umsetzung benötigen sprechen Sie uns gerne an.

*Cars Online 2017 Study: Beyond the Car, Capgemini Consulting