Sharing is Caring – Ein neuer Trend im KYC Modus Operandi

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Kollaborative Ansätze prägen die heutige Wirtschaftswelt und haben beachtliches Zukunftspotential. Welche Vorteile und Effizienzsteigerungsmöglichkeiten ergeben sich dadurch im Bereich KYC für einheimische und internationale Finanzinstitute?

Kann Compliance ein Nullsummenspiel sein?

Wenn Anthropologen die vergangenen 50 Jahren analysieren würden, wäre eines der sozioökonomischen Phänomene mit den größten Auswirkungen und Auslöser eines enormen Strukturwandels die Sharing Economy. Menschen teilen seit Jahrtausenden die Nutzung von Vermögenswerten, jedoch hat das Aufkommen des Internets für Vermögenseigentümer und -suchende das gegenseitige finden einfacher gestaltet. Die Sharing Economy hat sich in den letzten Jahren grundlegend weiterentwickelt. Diese ist nicht mehr auf co-working oder auf die gemeinsame Nutzung von Plattformen beschränkt, sondern umfasst auch Peer-to-Peer-Kredite und so genannte „kollaborative Know-Your-Customer (KYC)“ Ansätze.

Blick in die Zukunft: Kollaborative KYC

Die Zeiten, in denen Customer Due Diligence (CDD) von einzelnen Finanzdienstleistern durchgeführt wurde, scheint bald zur Vergangenheit zu gehören. Überall auf der Welt, von Indien bis Schweden, von Estland bis zu den VAE, beginnen Finanzdienstleister und Aufsichtsbehörden, sich an kooperativen Ansätzen für CDD zu beteiligen, wie z.B. KYC Utility. Durch einen verstärkten Informationsaustausch bergen diese Initiativen vielversprechendes Potenzial in Form eines besseren Kundenerlebnisses, erhöhter CDD-Effektivität und gleichzeitig reduzierten Kosten.

 

Abbildung 1: Vorteile von kollaborativen KYC-Verarbeitungsaktivitäten

Kunden deren Risikobewertung durch KYC Utility durchgeführt wird, werden von reibungslosen Arbeitsabläufen begeistert sein, die ein schnelles und problemloses Onboarding ermöglichen. Lästige Interaktionen mit endlosen Dokumentbereitstellungsanfragen werden der Vergangenheit angehören.

Wer macht Was,Wo & Wie?

  • Nordic KYC Utility: Wenn Wettbewerber ihre Kräfte bündeln

Sechs führende nordische Banken haben sich zur Einrichtung einer gemeinsamen KYC Infrastruktur für große und mittlere nordische Unternehmen zusammengeschlossen. Es wird erwartet, dass der KYC-Dienstleister im Jahr 2020 auf den Markt kommt. Der Anbieter wird eine einheitliche, standardisierte, sichere und kostengünstige KYC-Infrastruktur bieten. Diese wird auf fortschrittlichster Datenmanagement-Technologien basieren und somit die Erfassung und Verwaltung von Bankkundeninformationen verbessern. Hervorzuheben ist, dass ineffiziente KYC-Prozesse Transaktionsprozesse verlangsamen und zu einem erhöhten Verwaltungsaufwand und Risikoexposition führen. Durch die Schaffung eines einheitlichen KYC-Prozesses mit gemeinsamen Standards wird Nordic KYC Utility nicht nur die Finanzkriminalität effektiver bekämpfen, sondern auch die Compliance-Kosten senken sowie das Kundenerlebnis durch die Vereinfachung der KYC-Datenerfassungsprozesse verbessern.

  • VAE: Blockchain-basierte KYC Anwendung

Bereits 2018 hat Abu Dhabi Global Market die Erprobung einer Blockchain-basierten KYC-Anwendung erfolgreich abgeschlossen. Die KYC-App bietet Finanzinstituten die Funktionalität, die Kundenidentifikation und -verifizierung einmalig für einen Kunden durchzuführen, anstatt den Prozess mehrmals für denselben Kunden von verschiedenen Einheiten zu wiederholen. Darüber hinaus verfügt die App über einen unveränderlichen Audit-Trail, der einen sicheren Datenaustausch ermöglicht. Zudem werden die GDPR-Datenschutzbestimmungen der EU eingehalten sowie die Interoperabilität zu Drittsystemen unterstützt.

Abbildung 2: Kollaborative KYC-Verarbeitungsaktivitäten weltweit
  • e-KYC, Indien: Kundenverifizierung 30-mal billiger

Der 2010 eingeführte staatliche indische Identitätsanbieter Aadhaar authentifiziert jeden Teilnehmer über eine eindeutige 12-stellige ID-Nummer, die mit persönlichen und biometrischen Informationen verknüpft ist. Zu den gespeicherten Informationen gehören Name, Geschlecht, Geburtsdatum, ein digitales Foto, Fingerabdrücke und Irisscans. Mehr als 90 Prozent der indischen Bevölkerung sind bei Aadhaar eingeschrieben. Aadhaar bietet mit e-KYC eine Lösung speziell für Banken an. Die Dienstleistung ermöglicht Kunden, ihre persönlichen Daten elektronisch an Finanzdienstleister weiterzugeben, die in Echtzeit überprüft werden können. Dadurch wird zum Beispiel der Kontoeröffnungsprozess radikal vereinfacht. e-KYC ermöglicht somit eine reibungslosere Kundengewinnung und -einbindung und trägt damit zur finanziellen Integration bei. Der Wechsel von papierbasiertem KYC zu e-KYC senkt die durchschnittlichen Kosten für die Überprüfung von Kunden von 15 US-Dollar auf 0,50 US-Dollar und reduziert die Dauer der Überprüfung von mehr als fünf Tagen auf wenige Sekunden.

  • X-Road (eID), Estland: Revolutionäre digitale Identität

Das estnische eID-Kartensystem ist eines der fortschrittlichsten der Welt und die Grundlage für alle digitalen Dienste, die im Land verfügbar sind. Der Chip auf der Karte enthält Dateien, die es ermöglichen, ihn als Identitätsnachweis in einer elektronischen Umgebung zu verwenden. Die Karte findet Anwendung als nationale Krankenversicherungskarte, als Ausweis beim Einloggen von einem Computer auf Bankkonten, für digitale Signaturen, Online-Abstimmungen, Steuererklärungen und vieles mehr.

Bei der Förderung der E-Government-Lösungen des Landes haben Estnische Banken eine wichtige Rolle gespielt. Finanzinstitute haben sich konsequent für eID entschieden und ermutigen ihre Kunden, ihre eID-Karten für sichere Transaktionen zu verwenden. Derzeitig werden über 99% aller Bankgeschäfte in Estland online abgewickelt. Basierend auf den regulatorischen Änderungen im Jahr 2017 ist die Eröffnung eines Bankkontos nun online mit eID oder e-Residency-Karte, einer Video-Interview-Aufzeichnung mit Gesichtserkennungstechnologie möglich. Durch die Bereitstellung eines einzigartigen Identitätsnachweises, der jederzeit und überall einsetzbar ist, wird das eID-System zu einem Schlüsselfaktor für einen effizienteren und robusteren KYC-Prozess.

  • Blue Catalyst: Vernetzung von Banken und Unternehmen weltweit

Capgeminis Blue Catalyst ist ein KYC-Dienstprogramm, dass auf dem R3 Corda Blockchain-Protokoll basiert und somit Banken und Unternehmen weltweit verbindet. Die Initiative wird sich auf die KYC-Datenerhebung konzentrieren, um Unternehmen Kontrolle über ihre eigenen Daten zurückzugeben und das Vertrauen in die Geschäftsbeziehungen zu fördern. Eine der wichtigsten Funktionen von Blue Catalyst ist das Risk Control Cockpit. Dies ermöglicht Unternehmen, proaktiv zu verstehen, ob ihr Unternehmen extreme Risikoverluste wie Reputationsschäden, Geschäftsunterbrechungen, Lieferketten von Drittanbietern oder Insiderrisiken erfolgreich minimieren. Eine globale Infrastruktur – „The Trusted Network“ – verbindet Finanzinstitute sowie Unternehmen und ermöglicht, ihre eigene digitale Identität zu pflegen sowie zu kontrollieren. Darüber hinaus können treuhänderische Daten und Dokumente gezielt ausgetauscht werden. Die globale Infrastruktur wird das von R3 entwickelte Distributed-Ledger-Protokoll Corda nutzen, um über ein Peer-to-Peer Netzwert einen gesicherten Austausch von Daten und Dokumenten sowie eine sichere Privatsphäre zu ermöglichen. Sowohl Finanzinstitute als auch Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Anwendungen mit dem Trusted Network zu verbinden, um den Datenaustausch zwischen ihnen zu vereinfachen.

Sharing is Caring – Mehrwert durch Zusammenarbeit

Die Zentralisierung branchenweiter Informationen und die Sicherstellung einheitlicher Datenqualitätsstandards kann die Tiefe und Qualität der verfügbaren KYC-Inputs verbessern. Eine große Mehrheit der Branchenvertreter hält die aktuellen KYC-Prozesse für weitgehend schwerfällig, repetitiv und kostenintensiv. Durch die Anwendung eines Utility-Ansatzes und Nutzung leistungsfähiger Technologien können KYC-Prozesse radikal vereinfacht werden. Dies bringt große Vorteile für alle Beteiligten mit sich, was darauf hindeutet, dass Compliance ein Nullsummenspiel werden kann.

 

Vielen Dank an die Co-Autoren: Alexander Mühlmann, Lisa Suhr und Laura Gyurova.

 

Quellen:

  • A Medium Corporation
  • CoinDesk
  • ComputerWeekly.com
  • Economic Times
  • Finextra
  • Investopedia
  • LexisNexis
  • LiveMint
  • Swedbank
  • Tallinn E-Governance Conference 2018
  • X-Road

 

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