Das Ende des LIBOR – Frühzeitig Auswirkungen erkennen und Maßnahmen ergreifen

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Manipulationen und Absprachen bei der Festlegung der Referenzzinssätze Libor, Tibor und Euribor haben das Vertrauen in die Finanzwelt noch weiter erschüttert. Die Tage der Referenzzinssätze sind gezählt. Die IBOR-Ablösung ist vergleichbar mit Y2K oder Brexit – Unternehmen müssen sich frühzeitig präparieren.

Die Regulatoren sprechen bezüglich der IBOR-Ablösung von einer tickenden Zeitbombe. Ein Reformversuch der Finanzbranche für den täglichen Euribor-Referenzsatz schlug im Jahr 2017 fehl. Als Reaktion will die britische Finanzaufsichtsbehörde ab 2021 die Zinssätze nicht mehr durch eine tägliche Abfrage von Daten zu den Interbankenzinssätzen ermitteln. Sie sollen nun stattdessen auf Basis realer Transaktionen durch die Zentralbanken der jeweiligen Währungsräume berechnet werden. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) warnt vor einem Scheitern der Reform neuer Geldmarkt-Referenzzinssätze. Doch die Zeit wird knapp. “Daher müssen wir auf das Beste hoffen für die Euribor-Reform, so dass wir im Januar 2020 kein systemisches Problem haben”, sagte die für Marktoperationen zuständige stellvertretende EZB-Generaldirektorin Cornelia Holthausen.

Zusätzlich müssen auf Basis der EU-Verordnung 2016/1011 die Ermittlungsverfahren für den EURIBOR und EONIA bis 2020 überarbeitet werden. Denn die alten Referenzzinssätze genügen dann nicht mehr den Vorgaben. Mit der EU-Verordnung soll sichergestellt werden, dass in der EU hergestellte und verwendete Benchmarks robust, zuverlässig, repräsentativ und für den angestrebten Einsatzzweck geeignet sind. An diesen Benchmarks orientieren sich die Zinsen für unzählige Finanzgeschäfte im Billionenvolumen und sollen nicht nochmals Gegenstand von Manipulationen sein. Die EZB will einen eigenen kurzfristigen Referenzsatz – “Ester” genannt – bis Oktober 2019 bereitstellen. Dieser könnte als EONIA-Ersatz dienen. Nach Einschätzung von Holthausen ist es aber “fast unmöglich”, noch vor 2020 eine Alternative zum Euribor-Zins zu finden. Anmerkung: In den USA und Großbritannien hätten die Arbeiten an entsprechenden Pendants vor etwa zwei Jahren begonnen. Dort habe man sich bisher aber nicht auf eine Lösung verständigt.

Damit stehen nicht nur der Finanzsektor, sondern auch Corporates vor einer nicht zu unterschätzenden Umstellung. Nicht alle von ihnen sind auf die großen Änderungen angemessen vorbereitet. Anders ausgedrückt: Allein der Finanzsektor sieht sich derzeit mit einer nie da gewesenen Herausforderung konfrontiert. Die Zahlen sind enorm: Es geht um unzählige Verträge – Wertpapiere (Anlageprodukte), Derivate aber auch weitverbreitet Kredite – mit einem Volumen von Billionen EUR. Bei der Umstellung müssten hier alle Verträge angepasst werden. Dies birgt nebst rechtlichen Gefahren auch Reputationsrisiken. Zudem führt die Umstellung zu weiteren Herausforderungen für die Finanzinstitute, zum Beispiel in den Bereichen Risikomanagement, Bewertung von Finanzinstrumenten, finanzielle Berichterstattung sowie Steuern.

Bei global tätigen Banken sind hunderte IT-Systeme betroffen, die angepasst werden müssen. Die Umstellung auf die alternativen Referenzzinssätze wird bei vielen Finanzinstituten sehr hohe Kosten verursachen. Für kleinere, lediglich in einem Land agierende Institute dürfte der finanzielle Aufwand nur einen Bruchteil davon betragen. Dennoch – und trotz einigen noch offenen technischen Fragen sowie dem vermeintlich in weiter Zukunft liegenden Stichtag – verwundert die Aussage von Beobachtern, dass etliche Finanzdienstleister sich noch nicht allzu intensiv mit der Materie auseinandergesetzt haben. Diese Gruppe der Abwartenden riskiert nicht nur, dass aus dem ohnehin schon sehr komplexen Projekt eine strapaziöse Hauruckübung wird. Sie läuft auch Gefahr, Marktanteile an die Konkurrenz zu verlieren. Denn schon jetzt nimmt die Zahl der Kunden zu, die von ihrer Bank wissen wollen, was die Umstellung für sie bedeutet.

Statement CGI: Mancher Akteur fährt derzeit eine riskante Strategie, einige sogar eine Hochrisikostrategie.

Warum ist die Ablösung der Referenzzinssätze auch für die Corporates relevant? Die Auswirkungen der Umstellungen betreffen alle Unternehmen und bringen einen erheblichen zeitlichen und ressourcenbindenden Aufwand mit sich. Corporates sollten daher rechtzeitig tätig werden und im ersten Schritt eine Analyse der betroffenen Datenfelder durchführen, um anschließend konkrete Maßnahmen für die betroffenen Verträge, Prozesse und Systeme ableiten zu können. Dies gilt auch unabhängig davon, dass die neuen Regelungen noch nicht final und möglichweise weiteren Änderungen unterworfen sind.

Fokus Point unserer Services sind die folgenden kritischen Erfolgsfaktoren:

  1. Die Ablösung der Referenzzinssätze ist „Chefsache“ – Executive Management Buy-In
  2. Durchführung einer Vorstudie zur Fokussierung inklusive „grobes Zielbild“ & Roadmap
  3. Einrichtung eines zentralen Project Management Office (PMO) inkl. dezidierter Projektplanung
  4. Pragmatischer Approach durch Nutzung des bereits etablierten „NEW PRODUCT PROCESS (NPP)“
  5. Verabschiedung vorausschauender und nachhaltiger Leitlinien für das Neugeschäft
  6. Aktives Management des sogenannten „IBOR-Bestandsportfolios“
  7. Prototyping der Interest Rate-Modelle hinsichtlich methodischer Verprobung

Wer jetzt handelt, kann den Prozess aktiv steuern. Wer nicht handelt, wird gesteuert.

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